„Nicht mit uns!“-Demo in Köln wird zum Reinfall – Muslime lassen sich nicht herumkommandieren

BURAK ALTUN
ISTANBUL
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Unter dem Motto „Nicht mit uns", starteten Islamwissenschaftlerin Lamya Kador und der muslimische Friedensaktivist Tarek Mohamad, nach eigenen Angaben „ganz spontan", die Initiative für die Friedensdemo am gestrigen Samstag. Ziel der Demo sollte es sein „ein Zeichen gegen den islamistischen Terror zu setzen".

Einige islamische Verbände und Gruppen schlossen sich dem Aufruf an, viele Andere stellten sich aber dagegen. Dafür hagelte es Kritik, vor allem allem Seitens der deutschen Politik. Im Mittelpunkt der Kritik stand dabei die „Türkisch Islamische Union" (DITIB).

Der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des türkischen Parlaments, Mustafa Yeneroğlu twitterte dazu: „Ich begrüße die Haltung der großen Islamischen Religionsgemeinschaften. Die Bezeichnung 'islamistischer Terrorismus' diffamiert Muslime."

Innenminister de Maizière sagte der „Rheinischen Post": „Teilnehmen wäre besser gewesen als abseits stehen."

Der Bundestagsabgeordnete der Grünen, Volker Beck, erklärte, Ditib habe sich mit der Kritik an der Kölner Kundgebung „als Teil der Zivilgesellschaft abgemeldet". DITIB sei „nicht in der Lage" gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

DITIB nahm auf der eigenen Webseite Stellung zu dem Thema und der an den Verband gerichtete Kritik. Man stellte klar, dass es regelmäßig entsprechende Aktionen gebe, wo man deutlich mache, „dass es keine inhaltliche, geistige oder emotionale Nähe" zu „IS-Terroristen oder religiös verblendeten Kämpfern" gebe.

Darüber hinaus wurde auch der Zeitpunkt kritisiert. „Stunden in der prallen Mittagssonne" zu marschieren sei für fastende Muslime nicht zumutbar. Auch hätte es keinerlei Vorgespräche zur Veranstaltung gegeben.

Noch wichtiger war die Frage nach Sinn und Zweck der Demonstration. „Dies zeigt uns, dass die Initiative entweder zu kurz gedacht war oder vordergründig um eine mediale und politische Effekthascherei bemüht, und nicht etwa, wie behauptet, um die Bedürfnisse und Wünsche der Muslime. Öffentlich wirksame Aktionen begrüßen wir, lehnen jedoch die Art und Weise, wie dieser angekündigte Marsch organisiert wurde, ab. Diese Form ist eine öffentliche Vereinnahmung und Instrumentalisierung.", so die DITIB. Muslime seien darüber hinaus keine „Verhandlungsmasse", die sich „nach Belieben hierhin oder dorthin zitieren" ließe. Dass die Wirkung solcher Aktionen nicht nachhaltig sei, würden die Reaktionen auf bisherige Aktionen und Initiativen zeigen. So dauere es erfahrungsgemäß nicht einmal Wochen, „bis erneut Aufrufe an die Adresse der Muslime laut werden" würden, sich vom Terror zu distanzieren.

Wenn man sich die Tatsachen im Zusammenhang mit den Terroranschlägen von sogenannten „Islamisten" vor Augen hält, erkennt man sehr schnell wie unpassend die Aktion war. Denn die meisten Opfer sind hier immer noch die Muslime. Der größte Terror herrscht in den muslimischen Ländern von denen viele durch westliche Mächte destabilisiert worden sind. Ob es nun der Irak ist oder Afghanistan, überall kann man die Spuren westlicher Politik erkennen. Erst durch die Missstände, die maßgeblich durch die westliche Politik entstanden sind, konnte der Terror einen Nährboden für sich finden. Wenn die USA keinen Irak-Krieg geführt hätten, würde es heute wahrscheinlich Daesh überhaupt nicht geben.

Aus welchem Grund heraus sollen die Muslime sich von dem Terror distanzieren, von dem sie selber Opfer sind? Müsste sich nicht die USA für seine Kriege in den islamischen Ländern entschuldigen und die europäischen Länder dafür, dass sie im Großen und Ganzen die Feldzüge unterstützt oder zumindest nicht ihr Wort oder Sanktionen erhoben haben?

Statt dessen erwartet man, dass die Muslime wieder ein „deutliches Zeichen gegen den Terror" setzen, obwohl die erdrückende Mehrheit der Muslime mit dem Terror nichts zu tun hat und man diese Tatsache immer wieder deutlich macht. Muslime sagen immer wieder, dass die Ideologie von Daesh unislamisch sei und die Religion für politische Zwecke missbraucht werde. Und was hätte es gebracht, wenn alle Verbände geschlossen demonstriert hätten? Der Terror würde dadurch kein Ende finden und die deutsche Gesellschaft würde dann auch nicht von heute auf morgen ihr Misstrauen gegenüber den Muslimen ablegen.

Wenn es schon eine Demonstration gegen den Terror geben soll, dann müsste es ein Protest sein, der von allen Schichten der Gesellschaft getragen wird und nicht von den Muslimen allein. Denn das stärkt die ohne hin schon breite Stigmatisierung von Muslimen. Die Muslime sollen marschieren während die „Biodeutschen" sich das Ganze angucken. Ein Schaulaufen, wo die Würde der Muslime keine Rolle spielt.

Man bedenke ein mal, dass man das gleiche mit anderen Minderheiten machen würde. Wer würde auf die Idee kommen, die Juden in Deutschland zum Protestmarsch anzuregen, wo man sich vom Zionismus des israelischen Staates klar abgrenzen und diesen verurteilen soll? Das wäre undenkbar. Für Muslime scheinen jedoch andere Regeln zu gelten. Die Muslime haben die Juden in Europa als Sündenbock abgelöst. Dazu gibt es aktuell auch viele Studien, wo Parallelen zum Antisemitismus des letzten Jahrhunderts in Europa gezogen werden. Diese beruhen auf Tatsachen. Ob es nun die islamophoben Karikaturen sind, die gesellschaftliche Ausgrenzung, das Misstrauen oder der offene Rassismus gegenüber Muslimen.

Problematisch ist die Situation der Muslime auch deshalb, weil sie einem asymmetrischen Machtverhältnis gegenüberstehen. Viele Muslime in Deutschland bilden immer noch die unteren Schichten der Gesellschaft, das wirkt sich auch auf deren gesellschaftliche Partizipation aus. Die meinungsbildenden Einrichtungen, egal ob in der Presse oder der Politik, bleiben dem Großteil der Muslime verwehrt. Ihre Worte und Gedanken werden überhört, ignoriert oder selektiv akkumuliert und dann aus einer anderen Sichtweise heraus der Öffentlichkeit präsentiert.

Bekannte Muslime in der Öffentlichkeit, die Ansehen genießen, kommen entweder aus dem künstlerischen oder dem oppositionell-opportunistisch politischen Bereich. Muslime, die eine andere Sichtweise auf die Geschehnisse und Verhältnisse in der Gesellschaft haben, werden entweder mundtot gemacht oder in populistischen Polittalks wie „Maybritt Illner" oder „Maischberger" vorgeführt. Derjenige, der sich dem dominanten politisch-gesellschaftlichen Paradigma nicht anpasst, bekommt die Außenseiter-Rolle. Er muss auf die im Vorfeld geplanten, gut überlegten Fragen der Moderation antworten. Egal, wie die Antwort ausfällt, sie kann in den meisten Fällen dem Außenseiter nicht zum Erfolg verhelfen. Wenn dieser Versucht andere Punkte anzusprechen, die so nicht einkalkuliert sind, wird er diese kaum wirksam ausführen können. Manch einen Zuschauer kann diese Methode überspitzt gesehen an die Show-Prozesse im Dritten Reich erinnern – der Verlauf und das Ende war dort auch schon vorher festgelegt und das Ganze diente eher zur Unterhaltung und Befriedigung der Massen und nationalsozialistischen Eliten, als der gerechten Wahrheitsfindung. Auch Fatih Zingal, Politischer Sprecher der „Union Europäisch Türkischer Demokraten" (UETD), beklagte des Öfteren die Konstellationen der Gesprächsrunden in Polittalks. Man stehe mit seiner Meinung alleine da. Selten würden mehr als zwei Leute die Gegenmeinung repräsentieren.

Wenn man sich nun die Initiatoren der „#Nicht mit uns!"-Demonstration anschaut, handelt es sich um zwei Personen, die im Großen und Ganzen mit dem gesellschaftlichen Paradigma konform gehen, auf der anderen Seite sind es aber keine Personen, die von der Mehrheit der Muslime Vertrauen genießen. Ihre Meinung, und in dem Fall ihre Aufforderung, haben kein besonderes Gewicht. Dies mag in der Selbstwahrnehmung dieser Leute nicht so sein, aber der gestrige Tag hat etwas anderes gezeigt. Erwartet wurden 10.000 Muslime, dann waren angeblich nur 500 Leute vor Ort und am Ende wurde die Zahl auf 200-300 Teilnehmer runterkorrigiert, so jedenfalls berichtet der „Express". Wenn man den Optimismus der Veranstalter im Vorfeld bedenkt, dann ist das am Ende doch schon etwas peinlich. Von diesen 200-300 Teilnehmern waren noch nicht mal alles Muslime, weil auch nicht-Muslime einfach dran teilnehmen konnten. Man versuchte sogar vor Ort noch ein paar Menschen dazu zu bewegen sich anzuschließen – mit mehr oder weniger Erfolg. Kaddor schien dann aber trotzdem zufrieden – wieso auch immer. Die Unterstützung sei letztlich doch „sehr groß" gewesen. Man plane nun weitere Demos. Ob das wohl so eine gute Idee ist? Jedenfalls wird man in Zukunft sicher etwas realistischer an die Sache ran gehen.

Burak Altun hat Neuere und neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Islamwissenschaft an der WWU Münster studiert. Aktuell arbeitet er als freier Journalist für Daily Sabah und studiert Wissenschaftsphilosophie.

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