Völkermord: Volksgruppen aus Namibia fordern Entschuldigung

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BERLIN
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Vertreter der namibischen Volksgruppen der Herero und Nama haben am Montag die immer noch fehlende Entschuldigung Deutschlands für die unter deutscher Kolonialherrschaft verübten Völkermord im heutigen Namibia angeprangert. Die Haltung der Bundeskanzler und des Bundestages seit 1990 sei "schockierend", sagte Esther Utjiua Muinjangue, Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation bei einer Pressekonferenz beim Justizsenat in Berlin. Eine Entschuldigung würde "das Heilen emotionaler Wunden" möglich machen, fügte sie hinzu.

Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) hatte die Delegation von Herero und Nama anlässlich der Rückgabe historischer Gebeine aus Namibia am Mittwoch zum Gespräch eingeladen. Behrendt entschuldigte sich "im Namen der Berlinerinnen und Berliner" für die "unbestrittenen Taten", deren "Nachwirkungen bis heute" zu spüren seien.

Die Massaker an den Herero und Nama im heutigen Namibia durch deutsche Kolonialtruppen gelten als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts. Am Montag forderten Vertreter beider namibischer Volksgruppen in Berlin erneut eine Entschuldigung sowie Entschädigungen von der Bundesregierung.

Im Jahr 1904 hatte der damalige deutsche Gouverneur der Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, Lothar von Trotha, die planmäßige Vernichtung der Volksgruppe der Herero angeordnet. Mindestens 60.000 Herero wurden daraufhin getötet. Diese hatten es zuvor gewagt, sich in dem heutigen Namibia gegen Landraub und Willkürherrschaft der deutschen Kolonialherren zu erheben.

Nach der Niederlage der Herero in der Schlacht am Waterberg drängten die deutschen Soldaten die überlebenden Männer, Frauen und Kinder in die Omaheke-Wüste und versperrten ihnen dort zugleich den Zugang zu den Wasserstellen. Viele verdursteten. Wenige Monate später erhob sich auch der Volksstamm der Nama. Bei deren brutaler Verfolgung starben etwa 10.000 Menschen. Opferverbände sprechen von 70 Prozent der Gesamtbevölkerung der Nama.

Die Bundesregierung verhandelt bereits seit vier Jahren mit der namibischen Regierung über eine Aufarbeitung der gemeinsamen Kolonialvergangenheit. Diese Gespräche könnten in eine Entschuldigung von deutscher Seite münden. Für die von Herero und Nama geforderten Entschädigungen sieht die Bundesregierung jedoch bislang keine völkerrechtliche Grundlage. Vor einem US-Bundesgericht wird seit März 2017 eine Sammelklage der Herero und Nama gegen Deutschland verhandelt.

Am Montagnachmittag sollte eine Delegation unter Leitung der namibischen Kulturministerin Katrina Hanse-Himarwa politische Gespräche mit Vertretern des Auswärtigen Amtes in Berlin führen.

Die Vertreter der Opferverbände machten deutlich, dass sie eine mögliche Entschuldigung der Bundesregierung an die namibische Regierung nicht akzeptieren würden. Solch eine Geste hätte nur Bedeutung, wenn sie sich an die traditionellen Führer der Herero und Nama richte, sagte Muinjangue.

Die namibische Parlamentsabgeordnete und Vorsitzende des Nama Genocide Technical Committee, Ida Hoffmann, forderte zudem, dass die Bundesregierung mit den Opferverbänden über Entschädigungszahlungen sprechen sollte. "Es muss Entschädigungen geben", sagte sie. Schließlich hätten die deutschen Kolonialherren den Nama auch das Land genommen. Das "schöne Deutschland von heute" sei auch auf der Ausbeutung ihrer Ressourcen gebaut.

Am Mittwoch übergibt die Bundesregierung im Rahmen eines Gottesdienstes menschliche Gebeine an Regierungsvertreter des südwestafrikanischen Staates, die während der deutschen Kolonialzeit unrechtmäßig nach Deutschland gebracht worden waren.

Der Berliner Historiker Christian Kopp vom NGO-Bündnis "Völkermord verjährt nicht" kritisierte, dass nach wie vor nicht klar sei, wie viele Gebeine aus Namibia und den übrigen deutschen Kolonien sich noch in Deutschland befinden würden. Hier gebe es "keine Transparenz". Es sei nicht auszuschließen, dass die Gebeine heute noch für wissenschaftliche Untersuchungen genutzt werden.

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