Die Schlacht von Manzikert: Wie Anatolien zur Heimat der Türken wurde

ERHAN AFYONCU
ISTANBUL
Veröffentlicht 01.05.2018 11:43
Das Diorama der Schlacht von Manzikert im Militärmuseum von Istanbul.
Das Diorama der Schlacht von Manzikert im Militärmuseum von Istanbul.

Die Türken machten Anatolien im 11. Jahrhundert zu ihrer Heimat - jedoch war ihr Weg aus Zentralasien nicht einfach

Die Seldschuken haben in Anatolien im Jahr 1018 Fuß gefasst. Obwohl sich die Turkmenen in kurzer Zeit in den östlichen und zentralen Teilen Anatoliens ausgebreitet hatten, herrschten noch keine Heimatgefühle unter den einstigen Nomaden – außerdem schien die byzantinische Armee übermächtig. Folglich hatten die Turkmenen keine andere Wahl, als sich, angesichts der näher rückenden Byzantiner, in den Kaukasus zurückzuziehen.

Da die Turkmenen keine Belagerungswaffen besaßen, war es nahezu unmöglich die vielen byzantinischen Festungen in Anatolien anzugreifen. Darüber hinaus konnten die seldschukischen Heerestruppen nicht bei jeder Bedrohung nach Anatolien einrücken, um die Turkmenen zu schützen.

Der Sieg in der Schlacht von Manzikert wird immer noch jährlich vor Ort gefeiert. Im Rahmen der Feierlichkeiten werden alttürkische Zelte errichtet und Szenen aus der Schlacht nachgespielt.

Hasankale

Der Zuzug der zentralasiatischen Turkvölker hielt dennoch allen Schwierigkeiten zu trotz an. In den Folgejahren fand zudem eine bewusste Steuerung der Einsiedlung statt.

İbrahim Yinal beispielsweise, der Stiefbruder des großen seldschukischen Herrschers Tuğrul Bey, schickte 1047 weitere Turkmenen aus dem persischen Nischapur 1047 nach Anatolien. Er versprach, dass er ihnen folgen werde. Unterdessen bemühten sich die Truppen unter dem Kommando von Hasan Bey aus der Seldschuken-Dynastie, das Vansee-Becken zu erobern. In Vaspurakan wurde er jedoch von der byzantinischen Streitmacht unter Gouverneur Aaron in einem Hinterhalt am Zap-Fluss (Nebenfluss der Tigris) geschlagen. Unter den Gefallenen befand sich auch Hasan Bey. İbrahim Yinal und Kutalmış, die im Anschluss dessen mit einer großen Armee nach Anatolien zogen, konnten dann am 18. September 1048 einen wichtigen Sieg über die byzantinischen Truppen in Hasankale auf der Pasin-Ebene erlangen. Dies bot den Turkmenen die Möglichkeit, sich in Anatolien bis nach Trabzon anzusiedeln.

Im Zuge dessen wurden 1059 Sivas und Malatya erobert. Wenige Jahre später nahm Alp Arslan Kars (1064) ein - 1067 folgte die Eroberungen von Kayseri, Niksar und Konya. Im Jahr 1068 überquerte Afsin Bey Anatolien und erreichte den Bosporus.

Angriff nach dem Freitagsgebet

Dem byzantinische Kaiser Romanos IV. Diogenes waren die seit 1068 immer weiter nach Anatolien vorstoßenden Turkmenen ein Dorn im Auge. Trotz seiner Bemühungen gelang es dem Kaiser bis dahin nicht, diesen Umstand zu ändern.

Dies wollte er nun durch die die Aufstellung einer immensen Streitmacht ändern. Dafür organisierte er eine große Armee, die 200.000 Soldaten zählte und brach mit dieser am 13. März 1071 nach einer Zeremonie in der Hagia Sophia in Richtung Anatolien auf. Neben Kriegern aus verschiedenen Nationen waren auch christianisierte Uzen, Kiptschaken und Petschengen im Heer. Jene zählen zu den Turkvölkern. Zur gleichen Zeit befand sich der seldschukische Sultan Alp Arslan auf einem Feldzug nach Ägypten. Als er von dem Anmarsch der byzantinischen Armee erfuhr, brach er seinen Feldzug ab und zog mit seinem Heer wieder nach Anatolien. Tausende muslimische Soldaten verschiedener Völker schlossen sich Alp Arslans Armee an. Darunter waren auch die kurdischen Einheiten der Marwaniden, die den Seldschuken unterstellt waren. Die beiden Armeen trafen in der Rahve-Ebene zwischen Manzikert (nahe dem heutigen Malazgirt) und Ahlat aufeinander.

Am Freitag, den 26. August 1071 folgte der Seldschuken-Herrscher Alp Arslan dem Rat von Abu Nasr Muhammad, den Feind gegen Mittag anzugreifen. Nach dem Freitagsgebet stand Alp Arslan seiner Armee in einem weißen Gewand gegenüber und hielt seine berühmte Rede: „Lasset dies mein Leichentuch sein, wenn ich sterbe. Ich möchte den Feind heute angreifen, dann wenn die Muslime überall in den Moscheen für uns beten. Wenn wir gewinnen, wird unser Wunsch Wirklichkeit. Sollten wir besiegt werden, werden wir als Märtyrer in das Paradies eintreten. Hier steht weder ein Sultan, der Befehle gibt, noch stehen hier Soldaten, die Befehle annehmen. Ich werde an eurer Seite als einer von euch kämpfen. Wer mit mir kommen will, soll folgen - den Anderen ist es freigestellt zu gehen."

Durch einen Scheinrückzug, wenige Stunden nach dem ersten Angriff, gelang es den Soldaten des Sultans die von Romanos IV. Diogenes angeführten byzantinischen Soldaten in einen Hinterhalt zu treiben - Alp Arslan koordinierte den Schachzug persönlich. Nachdem das byzantinische Heer immer weiter und voller Eifer vorstieß, rückte zugleich die seldschukische Kavallerie aus dem Hinterhalt an den Flanken hervor. Nun änderte auch die leichte Kavallerie des Sultans ihre Stoßrichtung. Die Byzantiner befanden sich dadurch plötzlich in einer halbmondförmigen Einkesselung und wurden mit Pfeil und Schwert zermürbt. Als der Kaiser seinen Fehler erkannte, war es schon zu spät. Auch die von Diogenes angeforderte Hilfe zur Stärkung des linken Flügels konnte durch die Seldschuken-Kavallerie aufgehalten werden.

Nachdem sich das Blatt allmählich zugunsten der Seldschuken wandte, liefen die ersten turkstämmigen Soldaten aus dem rechten Flügel des byzantinischen Heeres über. Dies führte letztendlich zur Auflösung der byzantinischen Armee. Angesichts dieser Situation wollte der Kaiser seine Truppen zurückziehen, um einen neuen Angriff zu organisieren – dieser Schritt wurde von den Truppen jedoch als Flucht wahrgenommen. Die armenische Sektion und die Bereitschaftstruppen verliessen daraufhin das Schlachtfeld. Die Byzantiner erlitten dadurch eine schwere Niederlage. Ein großer Teil ihrer Armee wurde bei dem Feldzug getötet - und der Kaiser sowie eine große Anzahl von Generälen gefangen genommen. Nur wenige Soldaten kamen mit dem Leben davon. Anatolien wird zur ewigen Heimat der Türken

Der Sieg in der Schlacht von Manzikert am 26. August 1071 war zugleich eine vernichtende Niederlage für die Byzantiner. Er brach ihren Widerstand und sie konnten sich lange Zeit nicht davon erholen. Für die Turkmenen aber, standen die Türen Anatoliens weit offen. Nun konnten sich die Turkmenen in Anatolien noch weiter ausbreiten. Infolge des Zustroms nach Anatolien wurde die Region zur bleibenden Heimat der Türken und bildet heute das Kerngebiet der modernen Türkei.

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