Wer verdient den Friedensnobelpreis wirklich?

ISTANBUL
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Menschen, die wirklich für die gemeinsamen Interessen von Menschlichkeit und Frieden arbeiten, könnten sich durch die Entscheidungen des Nobelkomitees entmutigt fühlen

Der Friedensnobelpreis wurde in diesem Jahr an eine globale Koalition von Zivilgesellschaften, der „Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen" (ICAN), vergeben. Im vergangenen Jahr war der Gewinner eine politische Figur: Juan Manuel Santos, der Präsident von Kolumbien. Er wurde für seine Bemühungen um Frieden in seinem Land – wo 50 Jahre lang ein Bürgerkrieg herrschte - verliehen. Wie Sie sich vielleicht erinnern, ist Santos der Architekt des Friedensprozesses zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC-Rebellen - einem Prozess, der die Kämpfe mit einem umfassenden Friedensvertrag beenden sollte.

Der Unterschied zwischen den Empfängern der Auszeichnung 2016 und 2017 liegt auf der Hand. Santos wurde für eine vollendete Friedensbemühung ausgezeichnet. Mit anderen Worten, er hatte bereits erreicht, was er beabsichtigte, und infolgedessen genießen die Menschen in seinem Land bereits ein demokratischeres und friedlicheres Leben. Es ist daher schwierig dafür zu argumentieren, dass er den Preis möglicherweise nicht verdient hat.

Bei ICAN sind wir uns jedoch nicht sicher, was diese Plattform bisher erreicht hat. Es ist nicht der ICAN gelungen, den Iran davon zu überzeugen, internationale Kontrollen für sein Atomprogramm zu akzeptieren, sondern den Großmächten, die Teheran ein Embargo auferlegten. In ähnlicher Weise haben wir nichts über die Erfolge der ICAN bezüglich den Atomarsenalen Nordkoreas, Pakistans oder Israels gehört.

Es scheint daher so, als ob das Nobel-Komitee dieses Jahr nicht eine Leistung, sondern eine Erwartung oder Hoffnung auf Erfolg auszeichnen wollte. Sie haben dasselbe getan, als sie 2009 den Preis an den neu gewählten US-Präsidenten Barack Obama verliehen, bevor er überhaupt die Chance hatte, etwas zu erreichen. Das Nobelpreiskomitee fungierte damals als Sprecher der internationalen Öffentlichkeit, die sich, nach der Invasion Afghanistans und des Irak, eine andere US-Regierung erhoffte.

Obama ist wahrscheinlich auf persönlicher Ebene pazifistischer als sein Vorgänger, aber während seiner Amtszeit hatte er keine andere Wahl, als wie ein typischer US-Präsident zu fungieren. Genau das tat er, und das Nobel-Komitee wurde danach kritisiert ihn ausgezeichnet zu haben.

2015 wurde der Friedensnobelpreis an das Tunesische Nationale Dialogquartett vergeben, eine Koalition von tunesischen Demokratie-Aktivisten. Ziel war es, den demokratischen Übergang in Tunesien zu fördern, wo die Gesellschaft seit Beginn des Arabischen Frühlings eine turbulente Zeit durchlief. Es war für das Nobel-Komitee wichtig, diesen Demokratisierungsprozess in Tunesien zu würdigen, der unter anderem auch von dieser Gruppe geleitet wurde - die von der Muslimbruderschaft inspirierten Gruppen waren jedoch sorgfältig von diesem Dialog ausgeschlossen worden.

Mit anderen Worten, es wurden nicht alle politischen Bewegungen akzeptiert, die in einen nationalen Dialogprozess einbezogen werden sollten - und das Nobel-Komitee war damit völlig einverstanden. Letztere treffen nicht immer kluge Entscheidungen, wie es zum Beispiel bei der Verleihung des Preises an die burmesische Oppositionsfigur Aung Sang Suu Kyi im Jahr 1991 der Fall war. Eine Entscheidung, die sie jetzt immer mehr bereuen.

Das Nobel-Komitee darf politisch motivierte Entscheidungen treffen, was an sich nicht überraschend ist. Trotzdem haben wir wahrscheinlich das Recht, einige Fragen zu stellen, da die Jury behauptet, dass sie jene Menschen oder Institutionen auszeichnen, die den gemeinsamen Interessen der Menschheit dienen. Man kann sehr gerne Leute ermutigen, die wirklich für Frieden, Dialog, Toleranz etc. arbeiten. Niemand kann jedoch garantieren, dass diese Menschen langfristig Erfolg haben oder diesen Idealen für den Rest ihres Lebens treu bleiben werden.

Das sind einige der Gründe, warum Menschen jedes Jahr ernsthafte Zweifel an den wirklichen Absichten und Beweggründen des Nobel-Ausschusses haben. Diese Zweifel können Menschen, die wirklich für den Frieden arbeiten, entmutigen. Vielleicht sind die Aktionen dieser angesehenen Organisationen mehr ein Beweis dafür, dass der Weltfrieden ein fast unmögliches Ziel ist.

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