Ibn Tufail und die Aufklärung in Europa

ISTANBUL
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Ibn Tufail (ca. 1110 – 1185), ein prominenter Gelehrter des andalusischen Islams, ist bekannt für sein Werk „Hayy ibn Yaqdhan", wörtlich übersetzt „der Lebende, Sohn des Wachenden." Als eines der am weitesten verbreiteten Bücher der islamisch-intellektuellen Tradition wurde das Werk von Ibn Tufail im Jahre 1617 durch Edward Pococke, Sohn des bekannten Oxford Professors Dr. Pococke, ins Lateinische übersetzt. Das Werk mit dem lateinischen Titel «Philosophus Autodidactus» (autodidaktischer Philosoph) hat die Vorstellungskraft von Philosophen und Theologen ganzer Generationen beeinflusst. Wie diese Erzählung den Verlauf des Europäischen Denkens im 17. Jahrhundert und in der Aufklärung prägen, stellt ein faszinierendes Beispiel einer Ideenreise quer durch religiöse, kulturelle und linguistische Grenzen dar. Das Buch behält bis heute seine philosophische Relevanz.

Der Geschichte zufolge wurde Hayy ibn Yaqdhan als Baby auf einer Insel von Gazellen aufgezogen. Mit fortschreitendem Alter entdeckte er, dass er mit anderen Tieren verwandt ist, aber sich von ihnen dennoch unterscheidet. Er beobachtet die natürliche Umgebung und beginnt, die Prinzipien zu entdecken, durch die die Dinge ihre Existenz erhalten. Als er Gott als Quelle allen Seins und Wissens erkennt, erlangt er ein tieferes Verständnis für die Welt, in der er lebt - und für die natürlichen und moralischen Prinzipien, die ihn beherrschen. Seine Kenntnis von seinem eigenen Dasein unterscheidet ihn bereits von anderen Lebewesen um ihn herum.

Der Erzählung nach kommt eines Tages ein Mann namens Absal von einer benachbarten Insel auf die Insel von Hayy - und die zwei beginnen fortan über die Natur, Moral und Gott zu sprechen. Überraschenderweise erfährt Absal, dass Hayy durch seine geoffenbarte Religion all die Wahrheiten selbstständig entdeckt hat. Hayys Verständnis scheint eine erstaunliche Klarheit und eine präzise konzeptuelle Form zu beinhalten und deshalb der Anschauung von Absals Leuten überlegen zu sein. Hayy versucht sein rationales Verständnis den Menschen auf Absals Insel zu lehren. Hayy versteht, dass die meisten Menschen durch Egoismus, Habgier und Emotionen angetrieben werden und sich nicht durch den Ruf der höheren Vernunft und des Glaubens leiten lassen. Mit ihren Unvollkommenheiten und den destruktiven Tendenzen können normale Menschen nicht auf sich allein gelassen werden. Sie brauchen die Religion, die ihnen einen festgelegten Katalog von Regeln und Vorschriften liefert und ihnen ermöglicht, ihre Angelegenheiten in einer sinnvollen und friedlichen Art zu bewerkstelligen. Nach Hayys ernüchternder Erfahrung des menschlichen Daseins, kehrt Hayy zusammen mit Absal – nun als sein Schüler - auf seine Insel zurück.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten Hayys Geschichte zu interpretieren. Interessant ist dabei jedoch, dass ein solches Werk islamischer Philosophie - in Zeiten großer intellektueller Umbrüche in Europa - so viel Aufmerksamkeit erlangen sollte. Doch weshalb war der intellektuelle und akademische Kreis im Europa des 17. Jahrhunderts interessiert an einem Werk von einem andalusisch-muslimischen Philosophen aus dem 12. Jahrhundert?

Die rasche Bekanntheit und der stetige Einfluss von Hayys Geschichte hat damit zu tun, dass er vieles sagt, was über die Menschheit im allgemeinen gesagt werden muss – er erzählt wie unsere Ideen entstehen und wie wir zu Vorstellungen von Zusammenhängen, Religion, Moral und Gott kommen. Es präsentiert einen stets frischen Blick auf das Verhältnis von gesundem Menschenverstand, Beobachtung, Erfahrung und abstrakten Denkens.

Der Titel den Pococke für seine Übersetzung gewählt hat („Philosophus Autodidactus") deutet an, dass Hayy sich die Prinzipien der Wissenschaft, Philosophie und Moral selbst aneignet. Die Geschichte scheint zu argumentieren, dass man allein mit der Vernunft die Wahrheit der Natur und Religion entdecken kann. Was die offenbarte Religion lehrt und was die bloße menschliche Vernunft entdeckt sind kompatibel und ergänzen sich gegenseitig. Es sind Eigenschaften wie Egoismus und Unordnung, die Probleme kreieren - dies gilt sowohl für die Vernunft als auch für den Glauben. Hayys Argumente und Ansichten über die Natur, Vernunft und Gott sind durch den Gegenstand des „Glaubens" belegt. Fideismus, d.h., Rechtfertigung durch Glaube allein, ist keine solide Argumentation, vielmehr muss man seine Vernunft gebrauchen, um eine tiefes Verständnis der Realität zu erlangen.

Wie Hayy zu seinem konzeptuellen Denken gelangt, ist von besonderer Bedeutung für die Diskussionen im 17. Jahrhundert über Vernunft, Erfahrung und die Bedeutung von innewohnenden Ideen. Im Gegensatz zu Descartes scheint Hayy von keinen innewohnende Ideen auszugehen und entwickelt sein abstraktes und universelles Konzept über das Universum und die Moral basierend auf Beobachtungen und logischen Begründungen. Eine Zusammenfassung der Geschichte - publiziert in „Philosophical Transactions of the Royal Society" am 17.Juli 1671 - unterstreicht diesen Punkt: „Der Entwurf zeigt, wie von der Betrachtung von den Dingen hier unten, die Menschheit mithilfe des richtigen Gebrauchs der Vernunft, sich selbst empor heben kann, in das Wissen der Höheren Dinge (…) dann zum Wissen von Natur, Moral und Göttlichkeit, etc." zitiert im „The Arabic Interest of the Natural Philosophers in the 17th Century England" editiert von G. A. Russell.

Dies hat wenig damit zu tun, dass es sich bei Hayy um ein außergewöhnliches Genie handelt, es bestätigt viel mehr die angeborene Fähigkeit des menschlichen Verstandes die Wahrheit zu entdecken - ohne zwangsläufig das kartesische Konzept der innewohnenden Ideen benutzen zu müssen. Eine Anhänger von Locke wäre begeistert mit diesem Ausgang, da es Lockes Konzept des Geistes und des Verstandes als tabula rasa bestätigt.

Hat Locke, der bekannteste Philosoph seiner Zeit, etwa Ibn Tufails "Philosophus Autodidactus" gelesen?

Bisherige Erkenntnisse suggerieren, dass er von dem Buch Kenntnis hatte. Das Buch wurde in Oxford publiziert und auch Locke selbst befand sicg zu dieser Zeit dort. Die zunehmende Beliebtheit des Buches wäre Locke sicherlich nicht entgangen. Die Zeitschrift, in welcher Locke 1686 begann Artikel zu schreiben, hatte eine umfangreiche Zusammenfassung von „Philosophus Autodidactus."

Lockes intellektueller und sozialer Weg könnte ihn über das Quäkertum im 17. Jahrhundert zu „Philosophus Autodidactus" geführt haben. Denn George Keith und Robert Barclay, zwei führende Vertreter des Quäkertums, spielten eine wichtige Rolle in der Verbreitung von Ibn Tufails Erzählungen in den intellektuellen Kreisen in Europa. Keith übersetzte die lateinische Fassung von Pocockes im Jahr 1674 ins Englische - mit der Hoffnung, dass Hayys Geschichte den Christen helfen würde, die Wichtigkeit des persönlichen Erlebens, ohne mithilfe von christlicher Bibelauslegung zu verstehen. Hayy wird in Barclays „Apologia" als das perfekte Beispiel für die „Erfahrung des inneren Lichtes, ohne die Mittel der heiligen Schrift" genannt. Auch wenn Locke von den Quäkern abweicht - der Vorrang des „inneren Lichtes" scheint eine Gemeinsamkeit zu sein. Dies ist auch der Grund, wieso Keith, Barclay u.a. von Ibn Tufails Erzählung eine Quäker-Geschichte formten.

Die verschiedenen Interpretationen im 17. Jh. von Hayys Geschichte reflektieren die Vielseitigkeit des Werkes und auch die konkurrierenden Strömungen der Zeit. Ibn Tufail war weder ein Deist noch ein Quäker. Auch war er kein Empirist wie Locke. Dennoch hat er den europäischen Intellektuellen ausreichend Munition zur Verteidigung verschiedener Thesen über Verstand und Beobachtung gegeben. Seine Arbeit scheint zu bestätigen, dass Glaube und Verstand durchaus komplementär sind und nicht um Widerspruch zueinander stehen müssen – dies ist zugleich ein dauerhafter Thema in islamisch-intellektuellen Kreisen.

Als Philosoph, Mediziner und Öffentliche Person mit Beziehungen zu dem Sufismus hält Ibn Tufail fest, dass der richtige Gebrauch der Vernunft - unbefleckt von Begierde und Habgier - zur Entdeckung von natürlichen und religiösen Wahrheiten führt, weil der Ursprung allen Seins und Wissens, ob von der Menschheit oder der Natur, ein und derselbe sind. Auch betont er, dass die persönliche Erfahrung wichtig ist, um die Wahrheit hinter den Dingen zu erfassen – egal ob auf philosophische oder sufistische Art und Weise. Die gezielte Vorbereitung für den Weg ist ausschlaggebend. Es ist nicht überraschend zu sehen, dass auch die Quäker genau diese persönliche Erfahrung der Wirklichkeit und den kirchlichen Autoritäten vorziehen.

Ibn Tufails Meisterwerk ist heute genauso relevant wie Jahrhunderte zuvor. Seine Kernbotschaft lautet, dass das, was wir mit den Gaben der Vernunft, des Glaubens, des Verständnisses und des Mitgefühls tun, mehr zählt als alles andere.

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