Europas Minderheiten und die neue „Pest"

ISTANBUL
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Die Europäische Union hat offiziell ein ernstes Problem und dieses Problem heißt Rassismus

Solche Nachrichten sind in unserer Welt seit langem üblich. Welche Medienanstalt auch immer Ihr Arbeitgeber sein mag, jene Schlagzeilen werden sofort Ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken, wenn sie sich in der morgendlichen Besprechung befinden. Ja, ich beziehe mich hierbei auf rassistische, fremdenfeindliche und islamfeindliche Verhaltensweisen sowie Aktionen gegen Minderheiten in Europa. Diese haben sich dort wie die Pest verbreitet.

Drei Vorfälle, die in der vergangenen Woche in Europa passiert sind, haben nochmals deutlich vor Augen geführt, welcher Art von Hysterie der alte Kontinent heute verfallen ist.

Der erste Vorfall betrifft Amir, ein 11-jähriges afghanisches Kind, das in Griechenland Zuflucht gesucht hatte. Er besuchte die Mittelschule in einem Land, mit dem weder er noch der Rest seiner Familie vertraut waren. In seiner Schule wurde beim griechischen Nationalfeiertag am 28. Oktober zufällig ein Student ausgewählt, der die griechische Flagge tragen sollte – an einem Feiertag, der jährlich in Erinnerung an die Auflehnung Griechenlands gegen den italienischen Faschismus stattfindet. Obwohl Amir als Fahnenträger gewählt worden war, traf die Schulverwaltung die schockierende Entscheidung, ihm die Aufgabe zu entziehen. Der Grund dafür bestehe laut Administratoren darin, dass Amir ein Moslem ist. Stattdessen wurde Amir darum gebeten, ein Schild mit dem Namen seiner Klasse zu tragen. Der lächerlichen Entscheidung der Schulverwaltung folgten rassistische Angriffe auf die Familie, deren Haus von unbekannten Tätern gesteinigt wurde.

Der zweite erwähnenswerte Vorfall ereignete sich in Dänemark. Die dänische Migrationsministerin Inger Støjberg nahm an einem Treffen über Flüchtlinge teil, bei dem sie von Einzelpersonen protestiert wurde. Diese versuchten, die Schwierigkeiten und Probleme, mit denen sie konfrontiert waren, einem hochrangigen Regierungsbeamten zu vermitteln. Unzufrieden mit der Reaktion, verließ sie abrupt die Veranstaltung und überfuhr dabei eine Flüchtlingsfrau mit ihrem Auto - die sie davon abhalten wollte, den Ort zu verlassen. Die Bilder waren eindringlich. Man würde denken, dass das Überfahren eines dänischen Staatsbürgers in Dänemark Gegenstand einer gerichtlichen Untersuchung wäre. In diesem speziellen Fall wurden jedoch keine rechtlichen Schritte gegen die Ministerin unternommen - da es sich bei dem Vorfall um eine Person mit Flüchtlingsstatus handelte und nicht um eine dänische Staatsbürgerin.

Der dritte und vorerst letzte, medial bekannt gewordene Vorfall ereignete sich in der belgischen Stadt Gent, die eine große muslimische Gemeinde beherbergt. Lokale Muslime hatten vor kurzem beschlossen, eine Moschee zu bauen, um ihre Gebete durchführen zu können. Nach dem Baubeginn unternahm Filip Dewinter in Begleitung von Mitgliedern des rechten Flügels, der flämischen nationalistischen Partei „Vlaams Belang", Maßnahmen, um den Bau zu stoppen. Die Gruppe versammelte sich unter anderem auf der Baustelle, um gegen die Arbeit lautstark zu protestieren. Sie riefen, dass man dort keine Moschee, Ausländer oder den Islam wolle. Versuchen Sie sich mal in die Rolle eines Muslims in Belgien zu versetzen und stellen Sie sich vor, was sie dort durchmachen müssten und mit welcher großen Ablehnung Sie konfrontiert wären.

Diese Vorfälle ereigneten sich alle in der vergangenen Woche in Europa - in Dänemark, Griechenland und Belgien. Wir kennen die Einzelfälle, weil die Medien sie gemeldet haben. Und wie sieht es mit den anderen Vorfällen aus, die nicht in die Schlagzeilen geraten sind?

Zu diesem Zeitpunkt müssen die europäischen Staats- und Regierungschefs sorgfältig darüber nachdenken, was auf dem Kontinent geschieht - und auch über ihr eigenes Verhalten. Die Europäische Union hat offiziell ein ernstes Problem, und dieses Problem heißt Rassismus. Das Problem betrifft das Leben der europäischen Minderheiten direkt und in allen Lebensbereichen. Die europäischen Staats- und Regierungschefs, die keine Gelegenheit verpassen, über die Rechte von Minderheiten in anderen Ländern zu sprechen, können es sich nicht leisten, die kritischen Probleme von Minderheiten in ihren eigenen Gesellschaften zu ignorieren. Die große Tragödie, die Europa während des Zweiten Weltkriegs ereilte, muss heute allen europäischen Führern als Warnung dienen.

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