Neue Ateş-Gemeinde: Warum sie in Deutschland von Politik und Medien benutzt wird

BURAK ALTUN @burakaltun_DS
ISTANBUL
Veröffentlicht
AFP

Die Eröffnung der „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee" am vergangenen Freitag in Berlin-Moabit war für die Rechtsanwältin und selbsternannte Frauenrechtlerin Seyran Ateş eine medienwirksame Aktion. Man hatte erreicht was man wollte. Die neu gegründete Gemeinde zählt gerade mal 25 Mitglieder. Quantitativ gesehen hat diese Zahl kaum Gewicht, aber Qualitativ hat sie durch die mediale Vermarktungsmöglichkeit erreicht was sie wollte. Die Mitglieder bezeichnen sich selbst als „liberal"- um das zu beweisen, beten Männer und Frauen zusammen, Seyran Ateş spielt dafür auch die Rolle der Vorbeterin. Die Frauen tragen die Haare offen, mit den Regeln und Normen nimmt man es dort nicht so ernst, diese werden neu geschaffen.

Die deutsche Medienlandschaft feiert sie schon als Revolutionärin, von den Gemeinden und aus dem Ausland erntet sie jedoch breite Kritik. Sogar das ägyptische Fatwa-Amt, das von den meisten Muslimen als höchste islamische Instanz gesehen wird, hat sich in die Debatte eingeklinkt und die Gemeinde scharf kritisiert, ihr quasi die Legitimation entzogen. Kaum ein Muslim nimmt Ateş ihre Rolle ab, es wirkt alles gestellt. Die Gemeinde ähnelt eher einer Filmkulisse, als einer Moschee - überall Kameras und Mikrofone, während Ateş zusammen mit der Gemeinde ihr Gebet beginnt. Wie war das gleich noch mit der Norm zur Geheimhaltung von Gebeten und Almosen? Diese sieht man anscheinend nicht so streng. Denn sonst würde eine Rechtsanwältin, ohne fundierte Islam-und Arabischkenntnisse, kaum zur Führerin der Gemeinde auserkoren werden. Welcher normale Muslim würde ihrer Meinung schon Bedeutung schenken oder sie gar als religiöse Autorität ernst nehmen?

Viele kennen Seyran Ateş als scharfe Islamkritikerin, auch wenn sie sich selbst als Muslimin bezeichnet. Ihr Verhalten wirkt auf viele ambivalent. Sie gehört sogar zu den Unterzeichnern der „Freiburger Deklaration", eine Erklärung von Islamkritikern, die Lehrerinnen und Richterinnen nahelegt, auf das Kopftuch zu verzichten. Das ging dann sogar dem „Liberal-Islamischen Bund" (LIB) zu weit.

„Eine progressive Auslegung des Islam darf keinen Absolutheitsanspruch formulieren." Sie müsse auch konservative Sichtweisen respektieren, so Nushin Atmaca, erste Vorsitzende des LIB.

Eine andere bizarr anmutende Tatsache ist der Ort der „Moschee", denn eigentlich ist es eine Kirche, in der die „Ateş -Gemeinde" betet – die evangelische Kirche St. Johannis in Berlin-Moabit. Viele Kirchengänger waren von der Idee nicht sonderlich begeistert. Sie verstehen auch den ganzen Trubel nicht und wollen ihre Ruhe haben.

Ateş erzählt öfter bei Polittalks, wo sie gerne als Islamkritikerin eingeladen wird, von ihrer Nahtoderfahrung – darüber hat sie sogar ein Buch geschrieben. Jedenfalls ist sie fest davon überzeugt, dass sie dem Tod entronnen ist, weil es noch nicht an der Zeit gewesen sei zu gehen. Wahrscheinlich geht dies so weit, dass sie sich von himmlischen Mächten als heilige Reformatorin des Islams berufen sieht. Für die meisten Muslime hat sie aber eher die Ausstrahlung eines falschen Propheten, über den sich alle lustig machen.

Ateş verkörpert in der deutschen Öffentlichkeit das Wunschbild, das man sich von Muslimen ausmalt. Muslime sollen so weit assimiliert werden, dass sie sich nicht mehr von den aktuellen christlichen Glaubensgemeinschaften unterscheiden lassen. Das heißt: Die theologischen Auslegung muss sich nach der Gesellschaft richten. Alles was gesellschaftlich legitim ist, soll am besten auch religiös legitimiert werden. Wo liegt dann der Zweck der Religion? Im Westen ist die Religion schon lange kein Lebensinhalt mehr, sondern füllt eher eine spirituelle Nische. Den Sinn schafft dabei jeder für sich selbst. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber wieso versucht man das eigene Lebensmodell immer wieder auch den Muslimen überzustülpen? Psychologisch gesehen könnten es Ausdruck vom Erbe einer von der Kolonialzeit geprägten Denkweise sein. Damals löschte man andere Kulturen aus und beraubte sie ihrer Unabhängigkeit. Mit anderen Kulturen und Zivilisationen hatte Europa schon immer seine Probleme, was sich auch seit jeher auf Politik und Gesellschaft auswirkt. Während die islamischen Gesellschaften bereits vor tausend Jahren Andersgläubige respektierten, ihnen Rechte gaben, und diese sogar hohe und angesehene Positionen besetzten, wurden in Europa Kreuzzüge organisiert, um diese Gesellschaften auszulöschen.

Genau dieser Charakterzug spiegelt sich immer wieder in der westlichen Politik und Gesellschaft wider. Erst kommt die Stigmatisierung, danach folgt der Rest. Die Kultur und Religion der „Anderen" wird für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht, so wird die Religion selbst zum Problem, die man dann politisch und medial bekämpft. Das folgt keinem verschwörungstheoretischen Plan, sondern einer eigenständigen geistigen Dynamik, die durch die Interaktion von Politik und Medien angetrieben wird.

Das in den deutschen Medien als „konservativ" bezeichnete Islamverständnis ist das neue Feindbild, als könnte man da klare Linien ziehen und alle Akteure einfach in konservativ und liberal unterteilen. Das ist eine falsche und irreführende Vereinfachung der islamischen Glaubenswelt. Die Rückständigkeit und falsche Glaubensinhalte, die durch falsche Glaubenstraditionen entstanden sind, werden von den meisten angesehenen Autoritäten bekämpft, ganz egal ob man sie nun als konservativ bezeichnet oder nicht. Die Theologie entwickelt sich weiter, es gibt viele Menschen, die ihr Leben der Erforschung von historischen und religiösen Schriften widmen, immer auf der Suche nach Wahrheitsfindung. Gehört oder beachtet werden sie jedoch eher selten, wenn ihre Arbeit nicht den eurozentrischen Vorstellungen von gesellschaftlich akzeptierter Religion entspricht.

Eine Seyran Ateş eignet sich da besser für europäische Reformträume. Im Endeffekt erreicht man trotzdem nicht das was man wollte, denn die Muslime lassen sich nicht sagen, wie sie zu leben haben und woran sie glauben sollen. So lange sie die deutschen Gesetze achten und in Frieden mit sich und ihren Mitmenschen leben, sollte es eigentlich auch keine Probleme geben. Erwiesenermaßen leben die meisten Muslime ohne der Gesellschaft zu schaden. Diese künstliche Debatten über Muslime lenken lediglich von den eigentlichen Problemen ab: Soziale Ungleichheit, mangelnde Aufstiegsperspektiven, Ausgrenzung, Islamphobie oder Rechtsextremismus.

Ob ein Umdenken in der deutschen Politik und den Medien stattfinden wird, ist fraglich. Es sieht so aus, als würde sich die Situation immer weiter zuspitzen.

Burak Altun hat Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Islamwissenschaft an der WWU Münster studiert. Aktuell arbeitet er als freier Journalist für Daily Sabah und studiert Wissenschaftsphilosophie.

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