Neo-Osmanismus – Begriffsdeutung aus einer anderen Perspektive

BURAK ALTUN @burakaltun_DS
ISTANBUL
Veröffentlicht
Süleyman I. der „Prächtige“/ (Ḳānūnī) und Khair ad-Din Barbarossa
Süleyman I. der „Prächtige“/ (Ḳānūnī) und Khair ad-Din Barbarossa

Der Begriff „Neo-Osmanismus" erlebte fast zeitgleich mit den Wahlerfolgen der AK-Partei eine Renaissance - davor war er zuletzt für die konservativ-islamische Bewegung unter Necmettin Erbakan verwendet worden. Schon damals war der Begriff negativ disponiert – da er zumeist von oppositionellen oder westlichen Kritikern benutzt wurde, um vermeintliche Herrschaftsansprüche über ex-Territorien des Osmanischen Reiches zu umschreiben. Diese Imperialismus-Vorwürfe sind mit islamisch-fundamentalistischen und pantürkischen Ideologien untermalt. Ähnliches wird nun auch für die aktuelle Außenpolitik der AK-Partei formuliert – die aus der politischen Bewegung Erbakans entsprungen ist. Doch spiegelt diese Umschreibung einen tatsächlichen Umstand wider?

Jedenfalls müssten dafür zumindest zwei entscheidende Bedingungen gegeben sein: Das Staatssystem müsste ein islamisch-fundamentalistisches sein und die Türkei bereits territoriale Ansprüche geltend gemacht – zumindest aber ausformuliert haben. Beides ist jedoch nicht der Fall. Daher bedarf es einer Konkretisierung des Begriffs, so dass er auch die Perspektive jener verdeutlicht, auf denen der Begriff übertragen wird. Dies müsste man dann mit dem Status quo bzw. den Zielen der türkischen Innen- und Außenpolitik abgleichen.

Elemente des Neo-Osmanismus in der Innenpolitik

Im inneren lassen sich neo-osmanische Elemente primär in der gesellschaftspolitischen Dimension orten. Dort löste der Gedanke eines multiethnisch und -kulturellen Gesellschaftsmodells die kemalistisch geprägten und auf ethnisch-kulturellen Nationalismus basierenden Strukturen nach und nach auf. Minderheiten bekamen weitgehende Rechte zugesprochen und die Möglichkeit sich gesellschaftlich zu partizipieren – mit dem Ziel der Schaffung einer gemeinsamen Identität. Die abermals materiell und rechtlich enteigneten Christen und Juden in der Gesellschaft wurden mit der Zeit nicht mehr als gefährliches, den Nationalstaat gefährdendes, Überbleibsel vergangener Epochen betrachtet, sondern als kulturelle Bereicherung. Ebenso die Bevölkerungsteile, die lange Zeit Repressionen ausgesetzt waren – so wie die Kurden etwa. Die kurdische Kultur und Sprache waren mit staatlich gesteuerten Assimilierungsversuchen und Verboten konfrontiert.

Die spätere Gleichstellung von ausgegrenzten Bevölkerungsteilen wirkte sich auch auf die Mehrheitsgesellschaft positiv aus: Denn das zahlenmäßig und kulturell nach wie vor dominante türkische Element der Gesellschaft fand dadurch zugleich auch mehr Akzeptanz, da es nun nicht mehr als Bedrohung für die Kultur von Minderheiten erschien – daraus resultierte zugleich ein neues Identitätsmodell, das nicht mehr nationalistisch im europäischen Sinn orientiert war, sondern an altbewährten, osmanisch-islamischen Werten.

Diese nach und nach umgesetzte Gesellschaftsvision war das Produkt einer Rückbesinnung auf historische, traditionelle Werte, die über Jahrhunderte hinweg ein weitgehend friedliches und harmonisches Zusammenleben im osmanischen Vielvölkerstaat geschaffen hatten. Nur so war es möglich, eine Vielzahl an verschiedenen Bevölkerungsgruppen in den Staat zu integrieren, ohne jene assimilieren zu müssen.

Diese Werte laufen nicht konträr mit neuzeitlichen, humanistischen Vorstellungen, sondern harmonieren oder übereinstimmen mit ihnen.

Die Feindbilder, die in der türkischen Gesellschaft teilweise immer noch vorherrschen, sind fast alle Produkt der politischen Indoktrination, die vor allem nach der Regierungsperiode der Jungtürken und den ersten Jahrzehnten nach der Republikgründung ihren Höhepunkt erreichte - und zugleich die gesellschaftlichen Konflikte nachhaltig aufheizte. Die strenge Nationalstaatsideologie war unter anderem eine Folge der traumatischen Erfahrungen aus den Balkankriegen sowie dem Ersten Weltkrieg.

Vor dem Aufkommen des europäischen Nationalismus hatten Türken und Armenier Tür an Tür gewohnt, sich gegenseitig die Kinder anvertraut. Die Identität rührte aus der gemeinsamen Verbundenheit an regionale Strukturen, von denen auch die gesellschaftsübergreifende, osmanische Kultur geprägt war. Dieser Gedanke liegt auch der neo-osmanischen Gesellschaftsidee zugrunde.

Denn man hatte es im Osmanischen Reich mit einem in sich funktionierenden Gesellschaftskonzept zu tun, das erst später, durch äußere Faktoren zerstört wurde. Nun könnte man staatlich und zivilgesellschaftlich darauf hinarbeiten, dieses Gesellschaftsmodell wieder schichtübergreifend zu etablieren – was zum Teil auch geschieht. Außerstaatliche Initiativen und Kooperationen könnten eine unterstützende Rolle spielen und zugleich staatliche Förderung erhalten. Jene Werte würden dann im Idealfall, in Bildung, Politik und Medien, effektiv gefördert.

Elemente des Neo-Osmanismus in der Außenpolitik

Auch wenn der Begriff - sofern auf die Außenpolitik angewendet - aggressiv anmutet, da das Osmanische Reich, in seiner Gründungsidee und Struktur, lange Zeit expansiv ausgerichtet war - ist es dennoch möglich, den Neo-Osmanismus von der territorialen Expansionsidee freizusprechen und zugleich die humanitären und diplomatischen Aspekte in den Vordergrund zu rücken.

Diese Aspekte waren auch jene, die nach Beginn der AK-Partei Regierungsperiode wiederbelebt wurden. Dies ging einher mit einer Neuausrichtung der Außenpolitik. Sie war nun nicht mehr nur Richtung Westen gerichtet, sondern auch in die anderen Himmelsrichtungen – jedoch mit einem Schwerpunkt in Entwicklungsländern in Afrika und Asien.

Hier fungiert die Türkei als fairer Partner. Sie unterstützt lebensnotwendige Projekte und den Aufbau von Infrastruktur. Anders als bei vielen westlichen Staaten liegt der Fokus nicht auf den natürlichen Ressourcen der Länder, sondern beim Exporthandel mit diesen. Durch eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe wird zugleich eine politische Unterstützung für die Türkei auf internationaler Ebene erhofft.

Ziel ist also eine Stärkung der außenpolitischen Machtstellung auf Basis von Vertrauen und Gerechtigkeit. Hierbei kommen islamische Wertprinzipien zum Ausdruck, die zugleich als moralische Schranken dienen. So können Ausbeutung, Täuschung und ungerechte Strategieausrichtungen verhindert werden, die heute das westlich geprägte, kapitalistische Wirtschaftsdenken symbolisieren.

Die Türkei sieht sich zudem immer mehr in seiner Rolle als regionale Großmacht gestärkt. Im Nahen Osten zielt man darauf ab, konfessionelle Konflikte zu verhindern. Dafür steht man aktuell auch mit dem Iran in Zusammenarbeit. Die Türkei wünschst sich stabile, wirtschaftlich starke und vor allem konfliktfreie Staaten, die miteinander kooperieren und möglicherweise einen gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Gegenpol zur EU schaffen können.

Doch die Bedeutung und der Einfluss der Türkei beschränkt sich nicht nur auf die islamische Welt und die Entwicklungsländer in Asien und Afrika. Es bestehen weitreichende, und seit Jahrhunderten andauernde kulturelle Beziehungen zu Osteuropa und dem Balkan. Dieses Potential war lange Zeit in Vergessenheit geraten - denn die Türkei schottete sich jahrzehntelang ab, es galt das Motto: „Türk'ün türk'ten başka dostu yoktur" (Der Türke hat keine Freunde, außer den Türken). Aus dieser Geisteshaltung heraus, war es nahezu unmöglich, eine konstruktive und multidimensionale Außenpolitik zu schaffen.

Die jüngsten Staatsbesuche von Präsident Erdoğan in Serbien und Polen haben offen gelegt, welches Ansehen die Türkei – bedingt durch die historischen Wurzeln - genießt. Das Osmanische Reich hat die Kultur auf dem Balkan und den umliegenden Regionen maßgeblich geprägt. Die osmanischen Spuren sind an vielen Orten lebhaft und präsent.

In Serbien etwa sang der dortige Außenminister Ivica Dačić beim Abendessen mit den türkische Regierungsvertreter das auf dem Balkan weit verbreitete Lied „Osman Aga" auf Türkisch; in Polen spielte die Militärkapelle zum Empfang der türkischen Delegation das Stück „Ey büt-i nev eda" vom osmanischen Komponisten Dede Efendi, der im 19. Jahrhundert in Europa Bekanntheit erlangte. Diese kleinen Details zeigen, wie sehr die osmanische Vergangenheit jene abermals regierten und umliegenden Territorien beeinflusst hat. Daraus können heute fruchtbare Beziehungen entstehen, die zum Wohle aller ausgebaut werden könnten.

Diese historische Tatsache der osmanischen Präsenz in Europa widerspricht daher auch der Vorstellung einer rein jüdisch-christlich geprägten europäischen Gesellschaft, die sich oft in der Rhetorik westlicher Akteure wiederfinden lässt.

Diese Vorstellung ist allein deswegen schon fragwürdig, da Juden in Europa eigentlich fast zu jeder Zeit verfolgt wurden. Nach der Vertreibung in Bayern 1470 durch Ludwig IX., der Reconquista 1492 in Südspanien und den Massakern in Polen und der Ukraine im 17. Jh., fanden die jüdischen Opfer Zuflucht im Osmanischen Reich. Konstantinopel, Smyrna oder Saloniki waren jene osmanischen Provinzen mit größeren jüdischen Bevölkerungsanteilen. Die jüdischen Gemeinden genossen eine Vielzahl an Privilegien und bekleideten teilweise hohe Ämter im Reich.

Wenn man also behauptet, dass sich das Judentum im Mittelalter aus der islamischen Welt heraus entfalten konnte, ist dies nicht weither geholt. Wäre es da nicht richtig, von einem islamisch-jüdisch-christlichen Erbe Europas zu sprechen?

Dieser humanitäre Grundgedanke des Osmanischen Reiches spiegelt sich aktuell vor allem in der Flüchtlingspolitik der Türkei im In- und Ausland wider. Kein anderer Staat beherbergt so viele Menschen aus Krisengebieten. Sie ist zudem mit ihren staatlichen und außerstaatlichen Hilfsorganisationen in in vielen Krisenorten präsent – oft als erstes, auch dort, wo andere Hilfsorganisationen sich aufgrund der Gefahrenlage zurückgezogen haben.

In der Rohingya-Krise in Myanmar spielt sie eine führende Rolle, sie koordiniert die Sicherung von Lebensnotwendigen Maßnahmen und finanziert Flüchtlingscamps.

Nachdem die ersten Flüchtlingswellen aus dem Bürgerkriegsland die türkischen Grenzen erreichte, nahm man sich derer mit einer außerordentlichen Selbstverständlichkeit an – auch hier griff und greift die Türkei tief in die eigene Tasche.

Die tragende Rolle der Türkei bei humanitären Hilfsleistungen wurde mehrfach international gewürdigt, auch wenn diese Tatsache – mit wenigen Ausnahmen - kaum in den westlichen Schlagzeilen auftaucht. Die Türkei belegte beispielsweise im Jahr 2015 Platz 2 im Ranking der Geberländer. Berechnet wurden dabei die registrierten Hilfszahlungen.

Auch bei der Lösung von Konflikten spielt die Türkei mittlerweile eine zentrale Rolle - als Schutzmacht oder Schlichter. Dort, wo die Türkischen Streitkräfte aktiv Hilfe und Schutz leisten, genießen sie vielerorts die Sympathie der örtlichen Bevölkerung. Diese Vertrauensbasis erleichtert die internationale Friedensarbeit. Zusammen mit Russland und dem Iran zeigt die Türkei zudem auf, dass in der internationalen Konfliktlösung die Westmächte nicht unbedingt involviert sein müssen, um positive Ergebnisse zu verhandeln.

Neo-Osmanismus – ein falsch verwendeter Begriff

Diese von Entwicklungs-, und humanitärer Hilfe geprägte Außenpolitik der Türkei ist frei von expansiven Zielen oder Vorhaben. Ganz im Gegenteil: die Türkei spricht sich für die Einhaltung des Status quo und die territoriale Integrität von Nationalstaaten aus - damit stellt sie sich zugleich gegen die aktuelle Welle von regionalen Unabhängigkeitsbestreben auf der Welt wie etwa im Nordirak oder in Spanien. In den Internationalen Beziehungen wirkt sich das zumeist konstruktiv und stabilisierend aus – führt aber auch zu Problemen, wenn sich andere in ihren Interessen bedroht fühlen. Dies zu umgehen, erfordert eine gesteigerte Feinfühligkeit der politischen Akteure.

Ein Abgleich des Begriffs Neo-Osmanismus mit der Realpolitik der Türkei führt also unweigerlich zur Erkenntnis, dass die Begriffsverwendung der tatsächlichen Ausprägung in Innen- und Außenpolitik nicht gerecht wird.

Burak Altun hat Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Islamwissenschaft an der WWU Münster studiert. Aktuell arbeitet er als freier Journalist und studiert Wissenschaftsphilosophie.

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