Die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen über die jüngsten israelischen Massaker in Gaza – ein Armutszeugnis

BURAK ALTUN @burakaltun_DS
ISTANBUL
Veröffentlicht
AFP

Am Abend sind bereits wieder Dutzende Palästinenser getötet worden, als der leblose Körper von Fadi Abu Salah am vergangenen Montag weggetragen wird. Er hatte 2014 bei einem israelischen Luftangriff beide Beine verloren und war an den Rollstuhl gefesselt. Sein Tod ist symbolhaft für die aktuelle Situation in Nahost. David gegen einen hochgerüsteten und erbarmungslosen Goliath, der von zionistischen Zielen, Hass und Gleichgültigkeit gegenüber dem palästinensischen Schicksal getrieben wird.

Die Palästinenser haben allen Grund zu protestieren. Ob es nun die US-Entscheidung zur Verlegung der Botschaft nach Jerusalem ist oder das Gedenken an die Nakba. Im Mittelpunkt steht fortwährend die Auflehnung gegen Vertreibung, Enteignung und Entwürdigung durch Israel.

Für die rechtsgerichtete Regierung Israels scheinen die Demonstrationen in Gaza nicht hinnehmbar zu sein. Von den Palästinensern wird erwartet, dass sie sich ihrem Schicksal beugen. Sie hätten dies selbst zu verschuldet, so jedenfalls der Wortton in Israel. Wer sich dem entgegenstellt, läuft Gefahr, getötet zu werden. Dies belegen zahlreiche Videoaufnahmen, wo unbewaffnete Demonstranten erschossen werden – fernab von der selbsterklärten israelischen Grenze.

In den deutschen Mainstream-Medien sucht man vergebens nach diesen Bildern – dafür findet man aber viele brennende Reifen und schwarze Wolken. Es soll suggeriert werden, dass die Palästinenser selbst Schuld an dem Vorgehen Israels sind. Die in Gaza regierende Hamas würde die Todesfälle provozieren und ihren Nutzen draus ziehen, heißt es oft in den Medien. Auch wenn dem so wäre, ändert das nichts an der Tatsache, dass israelische Soldaten in wenigen Wochen tausende Palästinenser mit scharfer Munition angeschossen - und mehr als 100 getötet haben. Genauso wenig kann man damit den realen Fakt überdecken, dass sowohl Israel als auch die USA eine unabhängige Untersuchung der Morde in durch UN-Institutionen blockieren – und sich die Bundesrepublik bei der jüngsten Abstimmung enthalten hat. Die israelische Regierung geht sogar so weit, die Täter auch noch zu loben. Damit versucht sie die Mordtaten auf eine dreiste Art und Weise zu legitimieren und gibt zugleich grünes Licht für weitere Morde an unbewaffneten Demonstranten

Angesichts einer derartigen Unterjochung und Menschenverachtung, die an Zustände der Apartheid erinnern, ist es ein Eklat, dass die Weltgemeinschaft wieder tatenlos zusieht. Dabei könnten einzelne Staaten oder Staatenbünde ein klares Zeichen setzen – zumindest diplomatische und wirtschaftliche Sanktionen erwägen. Solange dies nicht geschieht, wird sich Israel jedes Mal das Recht herausnehmen, zu machen und zu tun, was es will. Internationale Abkommen mit Füßen treten sowie die Souveränität und Partizipationsrechte der Palästinenser missachten.

Die einseitige Berichterstattung über die aktuellen Vorfälle in Gaza war auf den öffentlich-rechtlichen Sendern vielleicht am deutlichsten. Bei genauerer Beachtung der Wortwahl und Nachrichtenstruktur war die Wortakrobatik kaum zu übersehen – egal ob bei der Tagesschau, dem nachfolgenden Brennpunkt im Ersten oder dem Polittalk „Hart aber Fair". Alles war darauf ausgerichtet, die Morde an Palästinensern zu relativieren – mit Worten und Bildern.

Die Debatte um die unverhältnismäßige Gewaltanwendung der israelischen Soldaten wurde geschickt durch die Antisemitismus-Debatte überschattet, in der Muslime zu Tätern stilisiert werden. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, dass der Großteil der antisemitisch motivierten Straftaten in Deutschland einen rechtsextremen Hintergrund besitzt und der Antisemitismus in der islamischen Welt historisch gesehen ein Phänomen der Gegenwart ist, der erst durch die Gründung und Expansion Israels hervortrat. Juden und Muslime können eigentlich auf Jahrhunderte einer friedvollen Koexistenz zurückblicken. In Europa jedoch hat der Antisemitismus eine lange Tradition. Vor Tod und Verfolgung geflüchtete Juden fanden immer wieder einen sicheren Hafen in der islamischen Welt - so auch 1492 nach der Reconquista in Spanien. Allzu gern werden in Deutschland Israel-Kritik und Antisemitismus in einen Topf geworfen - und mit der Antisemitismus-Keule dann ganze Karrieren beschmutzt oder gar ausgelöscht. Wo Israel-Kritik anfängt und wo sie aufhört, scheint niemandem so wirklich klar. Daher ist es für viele sicherer, sich von der Nahost-Thematik fernzuhalten oder Israel-freundlich zu berichten.

Beim ARD-Brennpunkt zur Lage in Gaza beispielsweise werden in der Einleitung der Sendung zwar die Opferzahlen genannt, aber man benutzt bei der Beschreibung dieser den neutralen Begriff „Menschen" und die Todesschützen werden erst gar nicht konkret genannt. Danach folgt: „Zehntausende Palästinenser stürmen an den Grenzzaun zu Israel, sie protestieren gegen die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem." Das ganze wird untermalt mit Bildern, worauf dunkler Rauch von brennenden Reifen zu sehen sind - und Menschen, die Steine werfen. Die Botschaft ist deutlich: Es erfolgte ein Angriff („Sturm") der Palästinenser und Israel musste sich schützen - daher feuerten die Scharfschützen in „die aufgebrachte Menge". Die von den israelischen Soldaten verwendete scharfe Munition wird zunächst erst gar nicht erwähnt und auch die Kameraperspektive ist so eingestellt, dass die Entfernung zwischen Soldaten und Demonstranten sehr gering wirkt. Die Palästinenser erscheinen dabei als bedrohliche und gesichtlose Menschenmenge – nicht als Demonstranten.

So wirkt für den Zuschauer die Tatsache, dass allein am vergangenen Montag mindestens 60 Palästinenser getötet und über 2500 durch scharfe Munition verletzt worden sind, nicht mehr so drastisch. Und für die letzten Zweifler setzt man noch einen drauf: schuld sind angeblich die Palästinenser selbst, die sich von der Hamas instrumentalisieren lassen. Die Todesopfer seien von der Hamas gewollt, so der O-Ton in der Berichterstattung.

Eigentlich sollte man kritisch fragen, wieso man überhaupt mit scharfer Munition ausgerüstete Soldaten gegen Demonstranten verwendet, die höchstens mit Steinen ihren Unmut kund tun. Und wie will man die Tötung von Minderjährigen und Rollstuhlfahrern erklären? Wahrscheinlich gar nicht. Daher werden diese Tatsachen, von denen es auch teilweise eindeutiges Videomaterial gibt, einfach totgeschwiegen.

Mike Lingenfelser, der erste Korrespondent, der beim ARD-Brennpunkt zu Gaza zugeschaltet wird, verdeutlicht dann nochmals zu wem sich das Öffentlich-Rechtliche positioniert. Die Rede ist von einem Konflikt zwischen „radikalislamischer Hamas" und „Israel" - das scheinbar nicht radikal ist. Und die Tatsache, dass die meisten Demonstranten keinerlei Verbindungen zur Hamas haben, wird natürlich wieder begrifflich überdeckt – und der eigentliche Konflikt dadurch in seinem Kern verzerrt. Es geht dem Korrespondenten nicht um die getöteten Zivilisten, sondern um die Frage, ob ein neuer Krieg zwischen Hamas und Israel entfacht wird. Als ob sich zwei Armeen gegenüberstehen würden, die gegeneinander Krieg führen könnten.

Wenn man bedenkt, dass die zahlreichen Todesopfer und Verletzten Palästinenser sind, ist es auch nicht korrekt, von „Zusammenstößen" zu sprechen. Denn beide Seiten sind zu keiner Zeit aufeinander gestoßen - auch sind Opfer und Täter in den jüngsten Vorfällen klar zu unterscheiden.

Noch perverser wird es dann, wenn Lingenfelser behauptet, dass die als inhuman kritisierte Abriegelung vom Gazastreifen durch Israel, „selbst provoziert" ist. Schuld ist also nie Israel selbst. Die Menschen in dem als „Freiluftgefängnis" bezeichnete Gazastreifen müssen dieser Logik nach die Kollektivstrafe über sich ergehen lassen, sofern Israel das so will.

Wie groß der Aufschrei wohl gewesen wäre, wenn ähnliche Gräuel in Staaten passieren würden, zu denen man ein konträres Verhältnis pflegt? Es sollte mittlerweile jedem klar sein, dass einige hochgehaltene Werte je nach politischer Interessenlage in bestimmten Kontexten an Bedeutung gewinnen, aber auch – wie im Fall der israelischen Massaker – an Bedeutung verlieren können.

Aktuell sind ja die beliebten politischen Feindbilder die Regierungsführer in der Türkei und Russland. Da sind die Maßstäbe besonders hoch und der Protest besonders groß. Und auch mit Verboten und Sanktionen tut man sich nicht sonderlich schwer – dies hat zuletzt am deutlichsten Russland spüren müssen.

Die Richtung, die von der Politik vorgegeben wird, kanalisiert sich dann auch in den Medien – die größtenteils mit der Politik verflechtet sind und dadurch Lobby-ähnlich agieren.

Wahrscheinlich wird bei keiner anderen Thematik die Doppelmoral der deutschen Medien und Politik deutlicher entlarvt als bei der Israel-Thematik.

Die unter allen Umständen Israel-freundliche Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen bestätigte auch indirekt der langjährige Nahost-Korrespondenten der ZDF, Dietmar Ossenberg – wenn auch unfreiwillig. Bei dem Polittalk „Hart aber Fair" erzählte er, wie regelmäßig Israel-nahe Verbände und Organisationen, die in Deutschland eine einflussreiche Ausprägung besitzen, bei den Öffentlich-Rechtlichen anklopfen, um gegen einzelne Berichte und Sendungen zu protestieren, die sie selbst als Israelfeindlich betrachten. Diese würden dann besänftigt, wenn sie erklärt bekämen, dass die Berichterstattung nur auf dem ersten Blick vielleicht nicht so günstig für Israel wirke, aber die genaue Betrachtung der Darstellung und Begriffswahl dieser Wahrnehmung widerspreche.

Und so ist es in der Tat. Kaum ein Leser würde sich die Mühe machen, um die unterschwelligen Botschaften zu verstehen, die durch bestimmte Begriffe und Bilder hervorgerufen werden und unterbewusst unser Denken bestimmen.

Die Öffentlich-Rechtlichen geben sich in der Selbstdarstellung aber dennoch immer so, als ob sie fest an Objektivität und Meinungsfreiheit gebunden sind und diese beiden Punkte eine zentrale Bedeutung bei der Berichterstattung besitzen. Auf der anderen Seite werden konkurrierende Medienanstalten im Ausland oftmals als „Propagandazentren" verunglimpft.

Hält man sich die jedoch die Doppelmoral vor Augen, die sich immer wieder bei der Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen zeigt – in diesem Fall beim Gaza-Konflikt - ist die heuchlerische und selbstgefällige Haltung dieser Medienanstalten kaum zu übersehen. Diese vom Eurozentrismus und Interessen geprägte Geisteshaltung - die immer noch den normativen Anspruch auf das erhebt, was der Menschen denken und wie er handeln soll - zieht sich leider immer weiter durch die Geschichte des westlichen Politik- und Medienlandschaft – zuungunsten der Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit.

Burak Altun hat Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Islamwissenschaft an der WWU Münster studiert. Aktuell arbeitet er als freier Journalist und studiert Wissenschaftsphilosophie.

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