Deutsche Medien erklären Özil zum Sündenbock für WM-Blamage

BURAK ALTUN @burakaltun_DS
ISTANBUL
Veröffentlicht
Reuters

Deutschland ist raus - bereits in der Vorrunde als Gruppenletzter ausgeschieden. Für die glorreiche Fußballnation ist das eine Blamage und der wohl schlechteste WM-Auftritt in der Geschichte des Landes.

Auch die Bild-Zeitung spricht von der „größten Blamage der deutschen WM-Geschichte". Ähnlich scharf zieht sich die Kritik durch die restliche deutsche Medienlandschaft – auch wenn die Springer-Presse die Rolle des Zugpferdes übernommen zu haben scheint.

Milde Worte für die miese Leistung der deutschen Nationalmannschaft zu finden, fällt in diesen Tagen schwer. Verdient hätten sie diese in den Augen der Fußballfans sowieso nicht.

Nach dem WM-Debakel steht nun - wie erwartet – die Schuldfrage im Raum. Aber eigentlich wussten viele insgeheim schon, wen sie im Zweifelsfall für das Versagen verantwortlich machen würden – und einige haben vielleicht gerade deshalb ein wenig das WM-Aus begrüßt. So konnten sie nun wenigstens weiterhin ihre anti-türkischen Ressentiments loswerden, die bereits nach dem Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten aufgeflammt waren. Denn die Kritik an Mesut Özil und Ilkay Gündoğan beschränkte sich nicht nur auf die WM-Leistung, nicht auf das eine entscheidende Spiel, sondern zog sich bereits im Vorfeld durch die gesamten medialen Sparten, was auch auf die Gesellschaft überschwappte. Und von dort wieder zurück von den Medien aufgenommen wurde. Und das alles, weil sie es gewagt hatten, neben dem türkischen Präsidenten zu posieren und ihm aus Höflichkeit ein gewidmetes Trikot überreichten.

Da Gündoğan bei der letzten Niederlage der deutschen Mannschaft nicht aufgestellt war, dafür aber Özil, stand dieser zuletzt ganz alleine im Fadenkreuz der Kritik. Die „Welt" brachte ein Foto von einem auf den Boden blickenden Özil, dazu die Überschrift „Özils Auftritt ist symptomatisch für die deutsche Mannschaft". Auch die FAZ und andere Mainstream-Medien zogen mit.

Betrachtet man diesen künstlich geschaffenen, vermeintlichen Eklat mit kühlem Kopf, so spiegelt diese Szene lediglich die immerwährende und – so scheint es – die fest verwurzelte Überheblichkeit in beträchtlichen Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft wider. So entstehen normative Ansprüche auf das Verhalten des Individuums, für das die Medien als Instrument dienen. Dieses Framing führt zu Meta-Gesetzen, die zwar nirgends ausformuliert stehen, aber im Geiste der Menschen – bewusst oder unbewusst - präsent sind. Stempelt man also den Besuch von Özil und Gündoğan beim türkischen Präsidenten als unmoralisch ab, so zeugt dies nur vom Geltungsanspruch des eigenen Maßstabes – es zeugt vom subjektiven oder kollektiven Wunsch, die eigenen Ansichten dominieren zu lassen. Das hatte auch bereits der französische Denker Michel Focault erkannt. „Du musst ein Held sein, um der Moral unserer Zeit ins Gesicht zu sehen", lautet ein berühmtes Zitate von ihm. Im Fall von Özil und Gündoğan liegt jedoch die Vermutung nahe, dass sie selber nicht mit einer dermaßen großen Welle der Kritik und Zurechtweisung gerechnet hatten. Als Helden gelten sie aber bei vielen Türkeistämmigen in Deutschland dennoch.

Bemerkenswert ist auch, dass man es hierbei wieder mit einem Phänomen zu tun, das bei allen politischen Richtungen verhaftet ist. Diese Anfeindungen gegen Özil und Gündoğan klingen daher manchmal aus dem Grünen-Lager viel lauter als aus dem rechten. Während auf der anderen Seite der größte Teil der türkischen Opposition – also der Teil der Menschen, die persönlich ein Problem mit Erdoğan haben - dieses Verhalten für überzogen hält. So wittern auch sie den verdeckten Türken-Hass und die Islamophobie, die immer wieder über das Feindbild Erdoğan kanalisiert werden.

Niemand ist gezwungen, mit dem türkischen Präsidenten konform zu gehen – ihn und alle Menschen in seinem Umfeld zu dämonisieren, ist aber mit Sicherheit auch nicht der richtige Weg. Dies führt lediglich zu einer verstärkten Polarisierung innerhalb der deutschen Gesellschaft zuungunsten der türkischen Minderheit, die immer noch mit Partizipationsschwierigkeiten konfrontiert ist. Außerdem erzeugt dies eine Trotz-Haltung bei den Türkeistämmigen, von denen sich viele denken: „Jetzt erst recht". Wer zieht da am Ende den meisten Nutzen daraus? Wahrscheinlich das rechte Lager, das sich bereits die Hände reibt.

Burak Altun hat Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Islamwissenschaft an der WWU Münster studiert. Aktuell arbeitet er als freier Journalist und studiert Wissenschaftsphilosophie.

Auf Facebook teilen Auf Twitter teilen