Wieso ausgerechnet in Neuseeland?

BURAK ALTUN @burakaltun_DS
ISTANBUL
Veröffentlicht 18.03.2019 11:43
Aktualisiert 19.03.2019 09:52
DPA

Niemand hatte damit gerechnet, dass eine derart brutale islamfeindliche Tat in Neuseeland passiert. Das Land gilt als Musterbeispiel für gelungene Integration von Muslimen. Dort leben Muslime in Frieden, werden von der Mehrheitsgesellschaft und den Medien nicht angefeindet und fühlen sich willkommen. Rassismus ist dort, anders als in Australien, kein wirkliches Problem. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der islamfeindliche Terrorist aus dem Nachbarland kommt. Ungeklärt ist aber die Frage, wieso er die Tat in Neuseeland durchführte. Lag es am laschen Waffengesetz – oder gibt es möglicherweise tiefer gehende Ursachen und Zusammenhänge, die noch nicht ans Tageslicht gekommen sind? Handelt es sich bei dem Täter um einen Einzelgänger oder ist er Teil einer größeren Terrorzelle? Viele Fragen stehen noch ungeklärt im Raum, wovon einige sicher noch beantworten werden - aber wird das ausreichen?

Islamophobie in Europa – ein Kontrast zu Neuseeland

Jedenfalls sollten sich die Politiker in Europa, allen voran in Deutschland, selbstkritisch die Frage stellen, wie viel Mitschuld sie mit ihrer teilweise aggressiven und oft populistischen Rhetorik an der wachsenden Islamophobie in Europa tragen. Unvergessen sind die Vorstöße aus der bayrischen CSU, die keine Hemmungen davor hat, zu sagen, „der Islam gehört nicht zu Deutschland". Da hilft dann auch nicht der Nachtrag, dass damit nicht die Muslime gemeint sind, denn der Islam wird von Muslimen gelebt.

Leider ist es nicht nur die rechtspopulistische AfD oder die christliche Union, die den Muslimen das Gefühl geben, nicht auf Augenhöhe mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu stehen. Dies geschieht auch oft indirekt, wenn sich beispielsweise Grünen-Politiker Cem Özdemir mit Islamkritikern solidarisiert und die Bewegung „säkularer Islam" gründet, und mit den Protagonisten der Initiative versucht, aus dem Deckmantel eines angeblich aufgeklärten Islams heraus nicht nur die konservativen Muslime anzugreifen, sondern alle, die nicht ins eigene Raster passen. Dabei bedienen sich die Akteure wie Seyran Ateş, Hamed Abdel-Samad oder Ahmad Mansour oft der gleichen Sprache und Themen. Diese Personen werden von den deutschen Medien regelrecht hofiert, obwohl sie so gut wie keine Unterstützung von den Muslimen selbst erfahren. Sie maßen sich dann an, entscheiden zu können, was einen „guten" Moslem ausmacht und was einen „bedrohlichen". Es geht dabei um Kopftücher, um angebliche Gefahren durch „unaufgeklärte" Muslime, um eine angeblich fehlende Gleichberechtigung und so weiter. Jeder Muslim in Deutschland kennt diese Floskeln und jeder wurde sicher schon mal gefragt, ob die Mutter ein Kopftuch tragen muss oder ob man denn gläubig sei und was man zum Terror von Daesh zu sagen hat. Ein frommer Muslim zu sein – egal in welcher Form - wird leider von vielen nicht-Muslimen als Bedrohung wahrgenommen. Es scheint nicht fern, dass man sich bald eine Bombe umschnallt und sich irgendwo in die Luft jagt – so festgefahren scheinen einige Ansichten und Bilder zu sein. Während die Frömmigkeit von Muslimen in der deutschen Gesellschaft nur halbherzig toleriert oder gar kritisiert wird, singt man bei z.B. gläubigen Buddhisten schier Loblieder. Bisher habe ich vergeblich nach Buddhismus-Kritikern gesucht, die die Religion für die Gräuel an Muslimen in Myanmar verantwortlich machen.

Das Scheitern von Politik und Gesellschaft am Beispiel der Gastarbeitergeneration

Auch vermischt man allzu gerne Missstände, die durch soziale Umstände und eine falsche Politik bedingt sind, mit einem religiösen Kontext. Wenn Gastarbeiterkinder der zweiten oder dritten Generation kein vernünftiges Deutsch beherrschen, keinen gesellschaftlichen Aufstieg schaffen, so liegt das angeblich an der kulturell-religiösen Prägung. Vergessen wird, dass die Gastarbeitergeneration in Deutschland über Jahrzehnte ausgebeutet und benachteiligt wurde. Sie musste die Drecksarbeit leisten, für die sich andere zu schade waren. Dafür bekamen sie bis heute keine ausreichende Dankbarkeit entgegengebracht. Sie waren lange Zeit gezwungen, in brüchigen und menschenunwürdigen Betonsilos zu wohnen, die noch nicht mal ein eigenes Badezimmer besaßen. Später wurden sie in eigene Viertel separiert. Die Gastarbeiter nahmen das alles hin, da sie keine Möglichkeiten besaßen, um ihren Sorgen und Nöten Gehör zu verschaffen oder sich gesellschaftlich zu partizipieren. Die Politik und Gesellschaft war lange Zeit taub und blind für die Bedürfnisse der Gastarbeiter und ihrer Familien. Der institutionelle Rassismus, der auch heute immer noch nicht vollständig beseitigt ist, war damals viel drastischer zu spüren: In der Schule, beim Gang zum Amt, beim Arbeitgeber - überall dort, wo Begegnungen stattfanden.

Während der Rassismus im vergangenen Jahrhundert eher ethnisch geprägt war, richtet er sich heute gegen den islamischen Glauben. Wenn die Muslime die Anfeindungen kritisieren, werden sie oft beschuldigt, sich in eine Opferrolle zu begeben. Man solle sich doch nicht anstellen, vieles sei schließlich selbst zu verantworten. Aber nein, so ist es nicht. Um so zu denken, muss man schon ziemlich ignorant und selbstgefällig sein.

Neuseeland – Vorbild für eine islamfreundliche Gesellschaft

Das es auch anders gehen kann, sieht man in Neuseeland. Ein Paradebeispiel für eine westliche Willkommenskultur, die keinem Trend entspringt, sondern authentisch und dauerhaft ist. Vorbildlich war die Reaktion und Anteilnahme der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern und der Bürger, nichts war gespielt oder auswendig gelernt. Die Tränen, die vergossen wurden, waren echt. In Neuseeland leben etwa 50.000 Muslime: das macht etwa 1 Prozent der Bevölkerung aus. In Deutschland leben etwa 5 Prozent, aber die größte Islamfeindlichkeit kommt aus dem Osten Deutschlands, wo so gut wie keine Menschen islamischen Glaubens leben. Der Hass gegenüber Muslimen entsteht also nicht aus einer „Überfremdung", wie gerne behauptet wird. Doch wie kommt es dann zu solchen Feindbildern? Etwa jeder zweite Deutsche hält den Islam für gefährlich, fast genauso viele stören sich am Moscheen-Bau, wie aus Umfragen hervorgeht. Die Ursachen hierfür liegen ganz klar bei den Medien und in der Politik. Der Islam erscheint fast immer im negativen Kontext, und die Muslime müssen sich für alles rechtfertigen – auch für Terror, mit dem sie nichts zu tun haben oder für Ereignisse, an denen sie nicht beteiligt waren. In Neuseeland sind den Muslimen solche Probleme und Anfeindungen glücklicherweise fremd. Niemand versucht sich in ihren Glauben einzumischen, sie zurechtzuweisen oder als Sündenbock darzustellen. Andersrum klagen die Muslime dort, die größtenteils aus Flüchtlingen und Einwanderern bestehen, über keinerlei gesellschaftliche Probleme. Niemand stört sich an ihrer landestypischen Tracht - an den Bärten der Männer oder den Schleiern der Frauen. Ganz im Gegenteil: Der Imam der angegriffenen Moschee hat ausdrücklich seine Liebe und sein Vertrauen zu Neuseeland betont. Nach dem brutalen Terrorangriff habe es unzählige Solidaritätsbekundungen gegeben, fremde Menschen hätten ihn umarmt und seine Trauer geteilt. Hier in Deutschland hätten wohl die meisten die Straße gewechselt, wenn ein Mann im langen Gewand, mit Vollbart und Kopfbedeckung auf sie zukommen würde.

Umso verwunderlicher ist es, dass ein derart perverser Terroranschlag gegen Muslime ausgerechnet in Neuseeland verübt worden ist. Könnten hier vielleicht geheime Akteure im Hintergrund eine Rolle gespielt haben, um dem friedlichen Zusammenleben in Neuseeland ein Schlag zu versetzen - oder ist alles nur Zufall?

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