Frau Merkels Pyrrhus-Sieg

REDAKTION
ISTANBUL
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Frau Merkels Pyrrhus-Sieg

Bundeskanzlerin Angela Merkel, zusammen mit ihrem größten Rivalen Martin Schulz, waren die größten Verlierer der Bundestagswahlen in Deutschland. Obwohl Merkel 33 Prozent der Stimmen gewann, war sie weit von einem Sieg entfernt. Die rechtspopulistische „Alternative für Deutschland" (AfD) hingegen erzielte einen historischen Sieg, indem sie die drittstärkste Partei im größten Land Europas wurde. Sofern die deutschen Politiker nicht unverzüglich Maßnahmen ergreifen, könnte der Aufstieg der Rechtspopulisten das Land und die politische Stabilität Europas untergraben.

Die Wahlergebnisse waren nicht völlig unvorhersehbar. Vor der Abstimmung am Sonntag hatten viele, und auch Daily Sabah, Merkel und Schulz gewarnt, dass der geschürte Hass gegen die Türkei das Gegenteil auslösen würde, als das was man bezwecken wollte. Solche anti-türkische Rhetorik war ein Symptom der intellektuellen Faulheit, die die deutsche Politik beeinträchtigte. Anstatt eine umfassendere Vision zu geben, die das Land und Europa dringend braucht, zogen sie es vor, durch die sicheren und engen Grenzen eines Status quo zu fahren. Es ist etwas Neues notwendig, aber der gegenwärtigen Gruppe von Politikern fehlt die Kreativität, die notwendig ist, um das Land in eine positive Richtung zu lenken.

Wenn man mit dem Hass konfrontiert ist, den die AfD verkörpert, braucht Deutschland echte Staatsmänner, aber man hat stattdessen nur Merkel und Schulz.

Obwohl Merkel wahrscheinlich auch die nächste Regierung in Deutschland bilden wird, werden die Koalitionsgespräche kein Spaziergang im Park sein. Unter den Umständen bleibt es unklar, wie die deutsche Regierung eine rationale und vernünftige Politik umsetzen will.

Die Politik der Angst, die von den deutschen Mainstream-Parteien praktiziert wurde, verängstigte die Wähler, die dann eine radikale Bewegung wie die AfD unterstützten.

Schulz muss die Werkseinstellungen seiner Partei wiederherstellen, bevor es zu spät ist. Als er ursprünglich die Führung der SPD übernahm, gab es Hoffnung, dass er die Bewegung in die richtige Richtung steuern und an die Macht kommen könnte. Leider hat er sein Potenzial, seine Zeit und Energie für anti-türkische Rhetorik verschwendet - ein Fehler, der ihm viel gekostet hat.

Anstatt die Türkei zu bedrohen, müssen sich die deutschen Politiker auf die heimischen Fragen konzentrieren und aufhören, Millionen von Türken, die in den Grenzen ihres Landes leben, zu entfremden.

Gleichzeitig müssen sie den großen Unterschied im Wählerverhalten zwischen West und Ost verstehen.

Traditionell erstarken rechtspopulistische Parteien in Zeiten der Wirtschaftskrise. Wie jedoch eine radikale Bewegung wie die AfD in der Lage war, die Unterstützung von Millionen von deutschen Wählern zu einer Zeit zu erhalten, in der die Wirtschaft des Landes sehr gut funktioniert, ist eine Frage, die Deutschlands Führer sich ohne weitere Verzögerung fragen müssen. Liegt es vielleicht daran, dass nur bestimmte Gesellschaftsschichten die funktionierende Wirtschaft in ihrem alltäglichen Leben zu spüren bekommen?

Deutschland und die EU sind mit einem steigenden Nationalismus konfrontiert und man spürt das Fehlen von Staatsmännern mit Voraussicht und Kreativität. Merkel kann als Kanzlerin dienen, doch wenn die Historiker die gegenwärtige Ära beachten, wird man sie als Kanzlerin erwähnen, die die Entfremdung der Türkei aus Europa beaufsichtigte - wenn man sie überhaupt erwähnen würde.

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