Feindbild „Ja“-Wähler - eine Folge ideologisch-psychologischer Ursachen

BURAK ALTUN @burakaltun_DS
ISTANBUL
Veröffentlicht
Feindbild „Ja“-Wähler - eine Folge ideologisch-psychologischer Ursachen

Die „Ja"-Stimmen im Rahmen des Referendums zum Präsidialsystem stehen weiterhin auf der Tagesordnung der deutschen Medien. Man versucht sich den Ausgang der Wahl und den Wahltrend insbesondere bei den Deutschtürken zwanghaft zu erklären.

Dabei werden die Folgen in Relation mit scheinbaren Ursachen gestellt. Die angebliche Schlussfolgerung lautet dann oft: Die Deutschtürken in Deutschland sind ungebildeter als anderswo und stimmten daher für ein „Ja".

Eine vermeintliche Erklärung, die man dann gerne auch im Speziellen auf die Wahlerfolge der AK-Partei anwendet. Es scheint gar ein Totschlag-Argument mit universeller Gültigkeit zu sein. Nimmt man das Spiel mit der Ursache und Wirkung genauer unter die Lupe, kann man die Primitivität, die dieser Folgerung zu Grunde liegt, sehr leicht entlarven.

Der „Stern" veröffentlichte vor kurzem ein Interview mit der türkischen Soziologin Gülay Türkmen-Dervişoğlu. Jene erforscht an der Universität Göttingen den türkischen Nationalismus, insbesondere im Verhältnis zu Religion und Gewalt. Zuvor lebte sie in den USA, studierte an der Elite-Uni Yale und gehört zu einer Gesellschaftsschicht, die sich eine solche Bildung leisten konnte. Das muss auch sie selbst zugeben: „In den USA ist das eher eine homogene Gruppe, in erster Linie sind es Menschen, die es sich überhaupt leisten können, nach Übersee zu ziehen, etwa für eine Ausbildung."

Sie steht symbolhaft für die wohlhabende und daher besonders politisch aktive Oberschicht der türkischen Gesellschaft. Der Reichtum hat ihr nicht nur den Weg für eine akademische Karriere eröffnet, sondern ihr auch den Luxus beschert, gesellschaftliche Partizipation zu genießen. Die Missstände vor der fortwährenden AK-Partei-Regierung seit 2002, haben sie nie berührt. Die Leidtragenden waren die hart arbeitenden Menschen aus unteren sozialen Schichten, die im Gegenzug nicht das bekamen, was sie verdient hätten.

Sie ist zwar Soziologin, doch ob sie jemals in die sozialen Strukturen eingetaucht ist, von denen sie glaubt Bescheid zu wissen, ist fraglich. Egal wie anspruchsvoll eine wissenschaftliche Arbeit ist: sie wird nutzlos, wenn ihr der reale Bezug zum Leben fehlt.

„Die Türken, die es nach Übersee verschlägt, gehen dorthin, um dort ihren Doktorgrad oder ihren Master-Abschluss zu machen, es sind tendenziell sehr gebildete Menschen." erzählt sie. Bei den Wählern hierzulande stellt sie fest: „Die Migranten, die aus der Türkei nach Deutschland oder in die Niederlande ziehen, haben häufig einen anderen sozialen Hintergrund. Ich will nicht sagen, dass es ungebildete Türken sind, die hier leben. Aber die meisten hier kommen doch eher aus der Arbeiterklasse als aus Akademiker-Familien." Sie möchte die Familien der Arbeiterklasse also nicht als ungebildete Masse brandmarken, indem sie es aber unterschwellig erwähnt, tut sie dann aber genau das. Diese arrogante und selbstgefällige Sicht ist nicht untypisch in gewissen Kreisen des Bildungsbürgertums in der Türkei.

Wenn man sich nun auf die These konzentriert, worin behauptet wird, dass die Unterstützung Präsident Erdoğans und des Präsidialsystems, auf der Grundlage einer mangelnden Bildung der Wähler beruht, dann muss man zunächst die sozialpolitische Komponente stärker in den Fokus nehmen.

Denn der Grund für die Unterstützung ist nicht etwa der vergleichsweise niedrige Bildungsgrad der Gastarbeiterfamilien, sondern die politische Realität, die sich zugunsten der Jahrzehnte lang benachteiligten Schichten in der Türkei entwickelt hat. Diese Schichten machen einen enormen Teil der Gesellschaft aus. Vor allem die muslimisch-religiöse Bevölkerung hatte unter starken Repressionen gelitten, aber auch ethnische Minderheiten wie Kurden, Armenier, Griechen oder Juden.

Diese benachteiligten Schichten konnten während den Regierungsperioden der AK-Partei endlich durchatmen. Sie konnten an der Gesellschaft teilhaben, aufsteigen, bekamen ihre Grundrechte wie Bildung und gesundheitliche Versorgung gewährt. Die Investitionen erreichten nun endlich auch die vernachlässigten Ortschaften in Anatolien – was vor allem die PKK stört, verliert sie dadurch doch ihre politische Legitimität und ihr Geltungsrecht, die sie immer durch die Missstände vergangener Zeiten zog.

Die Infrastruktur erlebte einen nie dagewesenen Entwicklung: Straßen, Krankenhäuser, Schulen, Universitäten und moderne Wohnviertel sprießen aus der Erde.

Genau hier liegt der wahre Grund für den Erfolg der AK-Partei. Sie hat genau das gemacht, was eine politische Partei machen muss: Dem Volk dienen und aus der Arbeitskraft der Menschen den Wohlstand schaffen.

Natürlich sind nicht alle Probleme gelöst worden: Die Schere zwischen Arm und Reich geht leider weiterhin auseinander, das Lohnniveau der unteren Schichten ist nicht optimal und die Abhängigkeit von ausländischen Investitionen könnte auf lange Sicht problematisch werden. Doch dies wirkt momentan nicht so stark, wie das bisher erreichte. Das Vertrauen, das Erdogan und die AK-Partei genießen, ist enorm.

Den alten Eliten gefällt es natürlich nicht, dass sie ihre Macht abgeben mussten. Sie sehnen sich nach den alten Zeiten und schauen nach wie vor herabwürdigend auf die Menschen unterer Schichten, über denen sie zu stehen glauben.

Diese Elite - die zudem aufgrund ihrer sozialen Stellung von den staatlichen Institutionen und Medien im Ausland gehört wird – wünschen sich die alten Zeiten zurück. Demokratie und Menschenrechte dienen dann natürlich auch hier als Motive für das Machtstreben. Eigentlich geht es also um einen ideologischen Klassenkampf, der nicht mit Waffen, sondern politisch, mit Medien und Geld geführt wird. Dieses psychologische Phänomen, dass auch in anderen Zusammenhängen auftritt, ist keine neue Feststellung. In Deutschland beispielsweise sind die Migranten mit einem ähnlichen Phänomen konfrontiert. Einerseits sollen sie sich integrieren, andererseits stoßen sie auf Widerstand, wenn sie einen bestimmten Status erreicht haben und dann quasi Teil der deutschen Kultur sind und nun selbst das „deutsch sein" neu zu definieren wagen.

In der türkischen Gesellschaft sieht es nicht anders aus. Die alte Elite wünscht sich die alten Zeiten zurück und kann es nicht verkraften, dass die Leute, die zuvor als „dumm" und „unfähig" dargestellt wurden, die Türkei in vielen Bereichen voran gebracht haben. Die Herbwürdigung der anderen hat also neben ideologischen Ursachen primär auch psychologische.

Präsident Erdoğan kommt von ganz unten, aufgewachsen in den Armenvierteln in Istanbul, ist er eine Ausnahmeerscheinung in der türkischen Politik. Er versteht nicht nur die Sprache des Volkes, sondern setzt sich auch für dessen Bedürfnisse ein. Dies erklärt auch seine Popularität. Die Menschen identifizieren sich mit ihm und nehmen seinen Erfolg als ihren eigenen wahr.

Letztendlich ist aber auch Erdoğan nur ein Mensch - und auch er macht Fehler. Diese anzumahnen oder zu kritisieren darf nicht zun tabu werden. Wichtig ist jedoch wie die Debatten geführt werden. Kritik ist wichtig, sofern sie konstruktiv geschieht. Verschmähungen und Beleidigungen führen zu keiner Lösung, sondern gießen nachhaltig Öl ins Feuer, das dann schwer wieder zu löschen ist.

Burak Altun hat Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Islamwissenschaft an der WWU Münster studiert. Aktuell arbeitet er als freier Journalist für Daily Sabah.

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