Vergangenheitsbewältigung: Deutschland ist nicht Burka?

ALEV DUDEK @AlevDudek
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Demonstranten in Potsdam tragen einen Banner mit der Aufschrift “NEIN zu Nazis“.

Deutschland behauptet und wird oft dafür gelobt, dass sie die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit gut bewältigt. Jedoch besteht immer noch eine dringliche Notwendigkeit Begriffe wie Rassismus und Vielfalt neu zu definieren, um diese unter den aktuellen Umständen auch offen debattieren zu können.

Allerdings beinhaltet Vergangenheitsbewältigung oft nur die Aufarbeitung eines gewissen Zeitraumes der deutschen Geschichte, insbesondere den Holocaust.

Wie sich herausstellte, ist der Holocaust aber nicht der einzige Völkermord, welchen die Deutschen begangen haben - und infolgedessen diese auch bewältigen und aufarbeiten müssen.

Kurz vor dem Holocaust, begingen die Deutschen einen Genozid an den Herero und Nama. Dies wurde bis vor kurzem erfolgreich verdeckt gehalten.

Andererseits spiegelt die Unregelmässigkeit bei der Aufarbeitung der beiden Genozide, die innerhalb kurzer Zeit unabhängig voneinander stattfanden, die allgemeine Herangehensweise Deutschlands wider. Dies ist nicht der einzige besorgniserregende Aspekt in Punkto Vergangenheitsaufarbeitung.

Mangelnder Schutz für Minderheiten

Über den fehlenden Schutz für Minderheiten in Deutschland ist wenig bekannt. Trotz der besorgniserregenden Vergangenheit gab es in Deutschland bis zur Verabschiedung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) im Jahre 2006 keine Antidiskriminierungsgesetze. Das Gesetz war keine deutsche Initiative. Vielmehr wurde es als Reaktion auf die von der Europäischen Union festgelegten Standards verabschiedet.

Trotz oder gerade deswegen haben sich in Deutschland anfangs viele Fronten dieser Gesetzesänderung widersetzt. Die Notwendigkeit von Antidiskriminierungsgesetzen macht deutlich, dass Diskriminierung von Minderheiten in Deutschland auch ein Phänomen der Gegenwart ist.

Auch wenn aufgrund sozialer Konditionierung Diskriminierung in fast jeder modernen Gesellschaft, insbesondere in einem Land mit einer Geschichte wie Deutschland, gegeben ist, ist diese Tatsache für die Mehrheit der Deutschen lediglich ein Wermutstropfen. Dass Rassismus mit dem Dritten Reich stieg und fiel ist eine Farce.

Die Existenz von Rassismus außerhalb vom rechtsextremistischen Kontext wurde lange Zeit negiert. Erst kürzlich wurden vermehrt Studien veröffentlicht, die darauf hinweisen, dass Rassismus die Mitte der Gesellschaft erreicht hat. Das ist aber offensichtlich nicht erst jetzt passiert - eben weil Rassismus überall in der Gesellschaft schon immer existiert hat.

Zu Behaupten, dass Rassismus nur im rechten Kontext existiert, ist eine sehr bequeme Art und Weise sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Vielfalt - ein neues Konzept?

Vielfalt ist insgesamt ein neues Konzept in Deutschland. Selbst Personen, die nicht im Bereich „Kulturelle Vielfalt" arbeiten, sind bei dem Thema eher nicht versiert als versiert.

Die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland engagiert sich nicht wirklich für die Förderung von Vielfalt oder sie bevorzugen die auf die Förderung von Frauen beschränkte Version von „Diversity-Management" - als ob man sich für eine spezifische Art der Vielfalt entscheiden könnte.

Eine Erklärung für diese begrenzte Ausprägung wäre, dass einige nicht wollen, dass auch andere Formen der Vielfalt wie ethnische Zugehörigkeit, Rasse und Religion zum Ausdruck kommen.

Die eigentliche Erklärung ist jedoch die Tatsache, dass Ethnizität und Religion bis heute sehr sensible Themen sind; Themen, die heute nicht so heikel wären, wenn Deutschland sich wirklich mit seiner Geschichte auseinandergesetzt hätte.

Eine andere Herausforderung bildet der Mangel an Begriffen der Vielfalt; der Begriff der Inklusion zum Beispiel gilt nur für Menschen mit Behinderungen, was zu Verwirrung führt und zeigt, dass Grundbegriffe nicht richtig verstanden werden.

Selbst Regierungsbeamte und fortschrittliche Politiker sind nicht mit den Konzepten der Vielfalt wie der „dominanten Kultur" vertraut.

Sie verwechseln den Begriff oft mit dem eher völkisch motivierten Versuch, eine deutsche Identität, die „Leitkultur", zu etablieren, die wir später in diesem Artikel diskutieren werden. Das Fehlen einer geeigneten Sprache und die vielen Herausforderungen, die mit der Vielfalt verbunden sind, spiegeln genau den allgemeinen Widerstand gegen Vielfalt und Inklusion in Deutschland wider.

Auch wenn sich immer mehr Organisationen im Diversity-Management engagieren, ist Vielfalt an sich nicht nur ein neues Konzept in Deutschland, sondern auch ein eher unerwünschtes. Denn Diversity-Management würde, wenn richtig gemacht, auch Diskriminierungen aufzeigen.

Gerade deutsche Regierungsvertreter haben mit diesem Ansatz zu kämpfen, denn Vielfalt bedeutet auch, Unterschiede zu respektieren. Was wiederum bedeutet, dass man sich integrieren kann, ohne sich assimilieren zu müssen.

Statt Vielfalt zu fördern, bevorzugen Verantwortliche die Integration von Minderheiten, weil Integration (in Deutschland) kein Prozess unter Gleichen ist. Es ist ein Ansatz, der deutschen Regierungsvertretern die Möglichkeit bietet, die Defizite von Minderheiten ausführlich zu diskutieren.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass im Hinblick auf die Integration besonders Personen mit islamischen Hintergrund hervorgehoben werden. Weil deren Kultur angeblich stärker mit der deutschen Kultur kollidiert, als beispielsweise die einer Person mit osteuropäischer Herkunft.

Leitkultur und kultureller Rassismus

Im Jahre 2017 hatte der ehemalige Innenminister Thomas de Maizière einen 10-Punkte-Plan veröffentlicht für die „deutsche Leitkultur" veröffentlicht. In seinem Plan legt Herr de Maizière aus, was die deutsche Kultur so anders als „die Anderen" macht.

Unter anderem betonte er, dass sich die Deutschen bei einem Treffen die Hand geben - dass sie die „Erben ihrer Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen" sind. Auch sagte er, dass Deutschland eine Nation sei, welche von Kultur und Philosophie - angeblich so stark wie keine andere Nation - beeinflusst worden sei.

Trotzdem ist dies ein verzweifelter Versuch, die deutsche Kultur von anderen zu unterscheiden. De Maizière versucht dies zu verdeutlichen, indem er sagt „Wir sind nicht Burka".

De Maizières Plan ist jedoch nur das i-Tüpfelchen. Minderheiten in Deutschland werden in den Medien regelmäßig mit künstlichen Debatten bombardiert - mit Nachrichtenberichten und unzähligen Studien, die sie an ihre angebliche Unfähigkeit zur Integration erinnern. Diese Diskussionen räumen jedoch selten ein, dass auch Rassismus und Diskriminierung eine Rolle bei der Integration spielen.

Dekonstruktion von tief verwurzeltem Rassismus

Eine der Hauptursachen dafür, dass Deutschland mit der Aufarbeitung der Geschichte zu kämpfen hat, sind die Fehleinschätzungen bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Deutschen glauben durch das, was ihnen eingetrichtert wird, dass sie angeblich Verantwortung für das übernehmen müssen, was ihre Vorfahren getan haben.

Dies ist jedoch nicht der Fall. Deutsche sind bilden keine homogene Gruppe, sondern blicken auf unterschiedliche Abstammungslinien zurück. Die Deutschen in ihrer Gesamtheit sind heute nicht verantwortlich für alles, was ihre Vorfahren getan haben.

Sie müssen jedoch akzeptieren, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in ihrem Land tief verwurzelt sind und dass Rassismus ein Konstrukt ist, das Jahrhunderte brauchte, sich auszuformen. Deutschland hat jedoch auch in der Tat viel zum Aufbau dieses Konstrukts beigetragen. Daher sind die Bürger des Landes besonders anfällig für bestimmte Ideologien.

Was Deutsche heute tun müssen, ist, den tief verwurzelten Rassismus in ihrer Gesellschaft zu dekonstruieren, indem sie sich intensiv mit Xenophobie und Rassismus auseinandersetzen und die Bürger des Landes in die Richtung erziehen.

Auch müssen wirksame Anti-Diskriminierungsstrategien entwickelt werden. So dass eines Tages nicht allein die Politik und Justiz für die Achtung der Menschenwürde sorgen muss. Jeder sollte gleich behandelt werden - unabhängig der Kleidung, Abstammung und Religion.

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