Ara Güler: Visueller Chronist der Türkei

HAKAN ARSLANBENZER
Veröffentlicht
Ara Güler: Visueller Chronist der Türkei

Wenn die Kunst der Fotografie in der Türkei erwähnt wird, ist Ara Güler der erste Name, der einem einfällt. Er selbst sieht sich eher als Fotojournalist.

Seit Erfindung der Kamera im frühen 19. Jahrhundert wird darüber diskutiert, ob Fotografie Kunst ist oder nicht. Manche glauben, dass Fotografie keine Kunst ist, weil sie nicht die Phantasie anregt, sondern eine mechanische Aufnahme ihres Gegenstandes ist. Auf der anderen Seite denken viele Leute, dass Fotografie eine neue Kunstart ist, weil sie mehr erfasst als die Oberfläche ihres Objekts.

Obwohl sich die meisten Fotografen heute selbst als Künstler betrachten, wehren sich einige alte Meister, als Künstler bezeichnet zu werden. Ara Güler beispielsweise, einer der bekanntesten türkischen Fotografen, sagt von sich, er sei ein Fotojournalist, kein Künstler. Für ihn ist seine Fotografie eine Dokumentation - keine Kunst. Ich glaube, er sagt das aus zwei Gründen: Denn er traf bereits in seiner frühen Jugend große Künstler wie Picasso und Dali. Gülers Verständnis einer «Künstlerfigur» könnte nachhaltig durch diese Persönlichkeiten geprägt sein. Vielleicht will er aber auch einfach seine Tätigkeit nicht kategorisieren lassen.

Ob Künstler oder Fotojournalist, Ara Güler hat in der Türkei und im Ausland mithilfe seiner Kamera bedeutende und einzigartige Momente festhalten können.

Frühe Lebensjahre

Ara Güler wurde am 16. August 1928 in Istanbul im Stadtteil Beyoğlu als Aram Güleryan geboren. Er ist ein Mitglied der armenischen Minderheit in der Türkei. Der Name seiner Mutter war Verjin. Sein Vater Dacat war ein Apotheker, der im Alter von sechs Jahren von einem Dorf in Giresun in der Schwarzmeerregion nach Istanbul zog, um dort eine angemessene Ausbildung zu erhalten.

Ara Güler machte im Jahr 1951 seinen Schulabschluss am armenischen Getronagan Gymnasium. Während seiner Schulzeit hatte Güler in Filmstudios gearbeitet und nahm an Schauspielkursen des berühmten Regisseurs Muhsin Ertuğrul teil. Er war fixiert auf einen möglichen Job als Schauspieler. 1950 fand er jedoch eine Anstellung als Reporter. Seine Kamera, ein Geschenk seines Vaters, verwendete er zugleich für seine Arbeit bei der Zeitung "Yeni İstanbul". Seinen ersten beruflichen Aufnahmen drehten sich um die Atatürk-Statue im Bezirk Gümüşsuyu, Beyoğlu, die von einer extremistischen Gruppe zerschlagen worden war.

Für die Zeitschriften der armenischen Minderheit verfasste er zudem Kurzgeschichten und Aufsätze auf Armenisch. Nach dem Abitur schrieb sich Güler an der Istanbul Universität im Studiengang der Wirtschaftswissenschaften ein. Anstatt das Studium abzuschließen, entschied er sich, als Vollzeit-Fotojournalist zu arbeiten.

Türkischer Korrespondent

Güler hat mit Hilfe seiner Kamera viele Geschichten erzählt. Er arbeitete für die Presse und sah sich vielleicht auch deshalb nie als Künstler. Auf der anderen Seite offenbaren seine Werke eine klare Tendenz, Fotos mit effektiver Szenerie zu erzeugen. Manchmal spielte er mit der Szenerie, um mehr als nur die Oberfläche eines Vorfalls zu zeigen.

Eine Arbeit von Güler, die von den alten Straßenvierteln Istanbuls zeugt.

1953 traf Güler Personen wie Henri Cartier-Bresson und Romeo Martinez und wurde Mitglied von Magnum Photos. Von 1954 bis 1962 arbeitete Güler als Leiter des Foto-Segments der Zeitschrift "Hayat" in der Türkei. Ab 1958 übernahm er Aufträge als Fotojournalist im Nahen Osten für einige internationale Publikationen wie "Time Life", "Paris-Match" und "Der Stern". Mit anderen Worten: Er war der türkische Korrespondent für die europäische Foto-Community.

1961 wurde Güler von der in London erscheinenden "Photo Annual Anthology" zu den sieben besten Fotojournalisten der Welt gekürt. Im selben Jahr wurde er als einziges türkisches Mitglied in die American Society of Media Photographers aufgenommen.

Diese Verbindungen halfen Güler, viele Länder zu bereisen und zahlreiche prominente Persönlichkeiten und Künstler der westlichen Welt zu fotografieren - darunter Winston Churchill, Indira Gandhi, Bertrand Russell, Arnold Toynbee, Alfred Hitchcock, Pablo Picasso, Salvador Dali, um nur einige zu nennen.

Im Selbststudium zum Meister

Nebst dem unendlichen Interesse der Medien an seinem Leben und Werk, wurde Ara Güler auch von vielen türkischen sowie westlichen Institutionen und Verbänden gelobt. Er eröffnete und trat vielen Einzelausstellungen in vielen Hauptstädten der Welt bei. Das New Yorker Museum of Modern Art stellte seine Arbeiten 1968 auf der Veranstaltung "10 Masters of Color Photography" (10 Meister der Farbfotographie) aus. Darauf folgte eine weitere Ausstellung in Köln. Seine Werke über Kunst und Künstler wurden in mehreren Büchern und Zeitschriften veröffentlicht.

Güler fotografierte zudem viele Künstler in der Türkei. Seine Werke fanden ihren Weg auch in türkische Veröffentlichungen. Für seine Popularität in der Türkei sorgten maßgeblich seine Schwarz-Weiß-Fotografien der Türkei der 1950er Jahre - insbesondere der alten Stadtteile von Istanbul. Sie strahlen eine erstaunlich lebendige Atmosphäre aus. Als gebürtiger Istanbuler wusste Güler, wie man die Stadt zu fotografieren hat. Von einem alten Friedhof mit Kindern, die inmitten der Gräber spielen, bis hin zu alten Damen, die in der "alten Moschee" in Edirne beten. Seine Fotos überdauerten Jahrzehnte. Sein Foto von drei alten Männern, die auf kurzen Stühlen an der Wand eines alten Kaffeehauses plaudern, ist zu einem der Symbole der Nostalgie im alten Istanbul geworden. Legendär ist auch das Foto eines Jungen mit Brot und Milch, das als die Fotografie des Glücks bezeichnet wird.

Nicht alle Arbeiten von Ara Güler sind so tiefgründig wie die zuvor genannten. Dennoch nutzte er seine Kamera als Sammler und Zeuge realer Momente prominenter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der einfachen Menschen zugleich. Seine Vision beinhaltet keine historische, sondern eine nostalgische Dokumentation.

Obwohl Ara Güler ein orthodoxer Christ ist, ist er einer der besten Fotografen der islamischen Architektur der Türkei. Er zeigt die großen Moscheen nicht als statuarische Orte, sondern als religiöse Monumente des alltäglichen Lebens und der Menschen um sie herum.

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