SOEK-Geschäftsführer Dr. Henrich: Afrin-Operation war ein „logischer Schritt"

BURAK ALTUN @burakaltun_DS
ISTANBUL
Veröffentlicht
SOEK-Geschäftsführer Dr. Henrich: Afrin-Operation war ein „logischer Schritt

Der SOEK-Geschäftsführer Dr. Christian Johannes Henrich hält die Afrin-Operation für einen „logischen Schritt" der Türkei und den Völkermord-Vorwurf Deutschlands bei der Armenier-Frage für „politisch motiviert".

Dr. Henrich ist habilitierter Politikwissenschaftler sowie Mitbegründer des Forschungszentrums Südosteuropa und Kaukasus (SOEK), das 2006 am Lehrstuhl für Internationale Politik der Universität Siegen gegründet wurde und sich inzwischen vollständig von der Uni gelöst hat. Das Forschungszentrum arbeitet nun als außeruniversitäre und unabhängige wissenschaftliche Forschungseinrichtung. Die Forschungsschwerpunkte umfassen den Balkan, Thrakien, Anatolien und den Kaukasus.

Dr. Henrich war zuvor auch im Schulausschuss und Integrationsrat der CDU in Siegen tätig - bis es 2015 zum Austritt kam. Grund für das Ende seiner 21-jährigen Parteimitgliedschaft war die Haltung der Christdemokraten in der Armenierfrage. Darüber hinaus hat Dr. Henrich viele Jahre in der Türkei verbracht und kennt sich mit den kulturellen, politischen und historischen Dimensionen des Landes bestens aus.

Im Gespräch mit dem Daily Sabah-Redakteur Burak Altun äußerte sich Dr. Henrich über die aktuellen Geschehnisse und das deutsch-türkische Verhältnis.

Daily Sabah: Lieber Herr Dr. Henrich, Sie sind der Leiter des Forschungszentrums Südosteuropa und Kaukasus (SOEK) - die Türkei stellt somit einen ihrer Forschungsschwerpunkte dar. Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich momentan besonders intensiv?

Dr. Henrich: Aktuell arbeite ich zur Visegrad-Gruppe. Aus der Türkei wurde bisher wenig bis kein Interesse an meiner Arbeit gezeigt, obwohl es nicht viele westliche Wissenschaftler gibt, die zum Beispiel die Völkermord Anschuldigungen nicht so einseitig betrachten, wie es der Mainstream tut.

Daily Sabah: Einige Ihrer Ansichten gehen tatsächlich konträr mit dem Meinungsbild in den deutschen Medien und der Politik. Zu nennen wäre da z.B. die Armenier-Frage, so wie sie es eben selber schon erwähnt haben - oder aber auch der Umgang mit der PKK und deren internationale Ableger. Jene werden ja anderswo als Freiheitskämpfer glorifiziert. Wie erklären Sie sich, dass Sie in Deutschland mit ihrer Meinung oft alleine stehen?

Dr. Henrich: Alleine steht man immer, wenn man sich gegen den Mainstream stellt. In der Wissenschaft ist es allerdings nicht selten, dass das mal vorkommen kann. Schließlich wird der Mainstream von Journalisten und Politikern bestimmt und stellt kein Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung dar. Nehmen wir doch mal die Armenier-Frage. Im Bundestag hat vor der Resolution keine wissenschaftliche Forschung zu dem Thema stattgefunden. Viele Publikationen zeigen nur die eine Seite der Medaille. Es wird zielgerichtet geforscht und kaum einer geht in die Archive. Gefühlt weiß jeder Deutsche, dass es einen Völkermord an den Armeniern gab, von armenischen Terrorgruppen, die Türken und Armenier ermordeten, weiß aber keiner etwas. Hier wird seit Jahrzehnten einseitig informiert. Mit wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn hat die Forschung nichts zu tun. Einzig und allein will man die Türkei diskreditieren. Denn die möglichen Völkermorde in Algerien durch Frankreich, dem Kongo durch Belgien, auf Indonesien durch die Niederland, in Marokko durch Spanien und in Namibia durch Deutschland waren nicht und werden nicht Thema in der Europäischen Union oder dem Deutschen Bundestag. Also ist der Vorwurf Völkermord politisch motiviert.

Daily Sabah: Wie bewerten Sie aus ihrer Sicht die aktuelle Afrin-Operation der Türkei. In Deutschland scheint man entweder dagegen zu sein oder sich mit konkreten Aussagen zurückzuhalten. Von Rückendeckung oder Unterstützung für die Türkei kann man also nicht sprechen. Das sah bei der Operation „Schutzschild Euphrat" noch anders aus. Der Anti-Terror-Kampf gegen Daesh geht in Ordnung - der gegen PKK/YPG jedoch nicht?

Dr. Henrich: Die Operation Olivenzweig war aus türkischer Sicht ein logischer Schritt. Die PKK nutzte seit langem die syrischen Grenzgebiete als Rückzugsort bei Ihren Kampfgenossen der YPG. Das eine Art autonome Selbstverwaltung seitens der Türkei nicht akzeptiert werden kann, sollte spätestens nach der Operation Schutzschild Euphrat jedem klar sein. Die deutsche Rolle ist nicht sonderlich rühmlich. Wir klassifizieren die PKK als Terrororganisation, rüsten dann aber die Schwesterorganisation im Kampf gegen den IS [Daesh] auf. Gegen die PKK-Propaganda in Deutschland unternehmen wir ebenfalls nichts oder deutlich zu wenig. Ich selber musste schon unter Polizeischutz an der Uni Hannover eine Konferenz leiten, weil eine PKK-nahe Gruppe der Uni drohte. Deutschland verkauft aber auch Waffen und Ausrüstung an die türkische Armee. Unsere Rüstungsindustrie profitiert also auf beiden Seiten. Moralisch und ethisch äußerst bedenklich.

Daily Sabah: Die deutsch-türkischen Beziehung scheinen sich nach der Freilassung von Deniz Yücel etwas zu entspannen. Für viele kam die plötzliche Entscheidung des Gerichts sehr überraschend – auch für uns in der Redaktion. Das es einige strukturelle Probleme in der türkischen Justiz gibt, ist kaum zu übersehen. Was denken Sie selbst über die politische Lage in der Türkei und die weitere Entwicklung im deutsch-türkischen Verhältnis?

Dr. Henrich: Die türkische Justiz, im Übrigen auch die Polizei und das Militär, waren in der Türkei noch nie vollkommen unabhängig von der Regierung. Das ist kein Phänomen von Erdoğan, wie es wieder und wieder falsch in Europa erzählt wird, sondern bereits die Kemalisten haben Justiz und Sicherheitsbehörden gegen politische Gegner eingesetzt. Deutschland hat die Freilassung Yücels als Akt des guten Willens zur Kenntnis genommen und wird im Gegenzug wahrscheinlich die türkischen Leopard Panzer modernisieren. Es hat bestimmt einen Deal gegeben.

Daily Sabah: In vielen westlichen Köpfen herrscht das Bild von dem demokratischen Europa und dem despotischen Orient. Auch wenn heute dieser Kontrast in einigen Fällen zutreffen mag, scheint diese These historisch betrachtet nicht zu stimmen. Was kann der Westen vom Umgang mit dem Menschen im Osmanischen Reich – auch heute noch - lernen?

Dr. Henrich: Offenheit und Gastfreundschaft. In der Türkei ist ein Türke mit anderen ethnischen Wurzeln als Mitbürger akzeptiert, wenn er sich zur Türkei bekennt. In Deutschland kommt immer die Frage, wo man den eigentlich herkommt. Wir machen die Staatsbürgerschaft oftmals von der Abstammung abhängig, in der Türkei hängt sie von der Loyalität zum Vaterland ab.

Daily Sabah: Zum Schluss noch die wichtigste Frage: Was essen Sie bei ihren Türkei-Besuchen besonders gern? So viel ich weiß, haben sie auch einige Zeit dort gelebt und sind nicht verhungert.

Dr. Henrich: Ja, ich habe drei Jahre in der Türkei gelebt. Bursa, Izmir, Istanbul und Adana haben mir die unterschiedlichsten Köstlichkeiten geboten. Am liebsten esse ich Ciğ Köfte, Iskender Kebap und Grüne Bohnen mit Fleisch.

Daily Sabah: Vielen Dank für das Interview und bis bald.

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