Die Türkei steht vor einer großen Hanfrevolution

BURAK ALTUN @burakaltun_DS
ISTANBUL
Veröffentlicht
Die Türkei steht vor einer großen Hanfrevolution

Nach Jahrzehnten der Verteuflung entdeckt die Türkei die Bedeutung von Hanf als Kulturpflanze für die Wirtschaft und Umwelt wieder von neuem. Deutliche Signale dafür sendete zuletzt Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei seinen Reden in Ankara, Rize und Samsun.

Im Kern bezog sich der Präsident dabei auf die von den USA im frühen 20. Jahrhundert diktierten Verbote zum Anbau von Cannabis – wovon auch die Türkei betroffen war. Als prägnantes Beispiel hob er Rize hervor, den Heimatort seiner Großeltern am Schwarzen Meer, wo heute vor allem Tee angebaut wird. Die Provinz war damals vor allem für den Hanfanbau bekannt. Der Bezirk „Kendirli" ist sogar nach der Pflanze benannt. „Kendir" ist ein türkischer Begriff für Hanf.

Als Ursprungsort von Hanf gilt Zentralasien, wo die Pflanze bereits seit 8000 Jahren genutzt wird. Die Region bildet zugleich die Urheimat der Turkvölker. Der medizinische und praktische Nutzen dieser Pflanze wird in der chinesischen Literatur bereits seit etwa 2000 Jahre v. Chr. erwähnt, später auch bei Avicenna, der Hanf als Heilmittel gegen eine Vielzahl von Krankheiten verwendete. Auch die Turkvölker wussten über den Wert dieser Pflanze Bescheid. Diese Tradition wurde später bei den Seldschuken und Osmanen weitergeführt. Der schweizerische Islamwissenschaftler Rudolf Gelpke lieferte bereits in den 1960er Jahren wichtige Erkenntnisse über die Bedeutung von Hanf im islamischen Raum. Eindrucksvoll erzählt er über die Einflüsse in Kunst und Dichtung. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde Hanf auch in Kaffeehäusern oder im kleinen Kreis konsumiert. Viele Sufi-Gemeinschaften verehren Hanf bis heute aufgrund seiner wundersamen Eigenschaften.

Große Unterstützung erfährt die türkische Hanfinitiative unter anderem vom Eurasischen Strategieinstitut (ASAM) und auch vom Minister für Land- und Forstwirtschaft, Bekir Pakdemirli. Zunächst wurde der Anbau in 19 Provinzen unter staatlicher Lizenz erlaubt. Die Nachfrage der Landwirte sei jetzt schon sehr hoch – vor allem in Städten wie Samsun, Kastamonu oder Tokat, wo in Vergangenheit große Mengen angebaut wurden. 1520 wurde allein in der Provinz Kastamonu über 90 Tonnen Hanf geerntet, 1574 in Tokat über 20 Tonnen.

Aktuell ist der Hanf-Anbau in der Türkei nahezu ausgestorben. Laut Daten des Türkischen Statistikinstituts (TurkStat) war im Jahr 2000 nur noch eine Gesamtfläche von 87,50 Hektar kultiviert worden, woraus 140 Tonnen Samen und 2500 Tonnen Fasern gewonnen wurden. 2016 betrug die Gesamtanbaufläche von Hanf nur noch 0,25 Hektar, mit einem Ertrag von einer Tonne Samen, und 7 Tonnen Fasern.

Im Gegensatz zur heutigen Situation war der Hanfanbau für frühere Generationen von herausragender wirtschaftlicher und ökologischer Bedeutung. Denn aus den geernteten Pflanzen können unzählige Alltagsgegenstände wie Kleidung, Papier, Medizin oder Nahrungsmittel hergestellt werden – und das mit ökologischer Nachhaltigkeit. Weil Hanf ein langlebiges, vielseitiges, wiederverwertbares und daher wertvolles Naturprodukt ist. Im Gegensatz zur Herstellung von synthetischen Kunststoffen entstehen bei der Hanf-Kultivierung keinerlei umweltbelastende Abfallprodukte. Ganz im Gegenteil: Die Pflanzen kommen mit wenig Wasser aus, benötigen keine Pestizide und erzeugen große Mengen an Sauerstoff – etwa viermal mehr als Bäume. Papier aus Hanf ist achtmal wiederverwertbar – Papier aus Cellulose nur dreimal. Hanf wächst in 3-4 Monaten – Bäume in 20-50 Jahren. Hanf säubert die Umgebung zudem von Strahlung. Das aus Hanfsamen gewonnene Öl ist nicht nur eine wertvolle Quelle für Omega-3, sondern kann auch das klassische Rohöl ersetzen, woraus heute Kunststoffe und Treibstoff produziert werden. Die Produktpalette reicht bis hin zu Baumaterial für Gebäude oder Fahrzeugkarosserien und umfasst um die 50.000 Variationen.

Das Tetrahydrocanabinol (THC) und das Cannabidiol (CBD) bilden die Hauptwirkstoffe der weiblichen Hanfpflanze. Sie dienen als Medizin für über 250 Erkrankungen wie Krebs, multiple Sklerose, Depressionen, Epilepsie, Diabetes oder grüner Star. Da der Mensch ein endogenes Cannabinoid-System besitzt, kann der Körper die Stoffe perfekt umsetzen – ohne gefährliche Nebenwirkungen, wie es bei Pharmazeutika häufig der Fall ist.

Doch wie konnte einer derart wertvoll Pflanze aus dem Bewusstsein und von den Anbauflächen des Landes verschwinden - gar weltweit verboten werden? Hier spielen wirtschaftliche Interessen während der Industrialisierung eine maßgebliche Rolle. Die ab dem frühen 20. Jahrhundert betriebenen Kampagnen zur Bekämpfung und Illegalisierung von Hanf wurden von diversen Interessensgruppen in die Wege geleitet, die in der Kulturpflanze eine Konkurrenz für ihre eigenen, zumeist synthetischen, Produkte sahen. Eine wichtige Rolle spielte dabei allen vorweg der Chemiekonzern DuPont, dessen Kunstfasern den Hanf immer mehr vom Weltmarkt verdrängten. Parallel dazu bemühte sich der US-Diplomat Harry J. Anslinger im Rahmen der UN-Drogenkommission für ein weltweites Verbot von Cannabis. 1961 wurde Hanf in dem „Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel" weltweit als gefährliche Droge gebrandmarkt – zu Unrecht, wie man heute weiß. Gestützt wurden die Initiativen auch in Hollywood, wo mehrere Propagandafilme entstanden – der bekannteste davon „Reefer Madness (1936)", wo Anti-Cannabis-Hetze mit rassistischen Ressentiments gegen Schwarze und Latinos vermischt wurde. Cannabis wurde als Droge dieser zu jener Zeit in den USA gesellschaftlich ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen dargestellt. Fälschlicherweise wurde behauptet, dass Hanf aggressiv, gewalttätig, hemmungslos und verrückt mache. Wie man heute weiß, hat Hanf entgegen der US-Propaganda im frühen 20. Jh., eine beruhigende, besänftigende und zum Denken anregende und Wirkung - ganz anders als etwa Alkohol oder synthetische Drogen wie etwa Amphetamin.

Einer der Vorreiter der türkischen Legalisierungsbewegung ist der islamische Denker und Intellektuelle Abdurrahman Dilipak. Er trug das bisher unbeachtete Thema in die politische Tagesordnung und ermöglichte den Start für einen gesellschaftlichen Diskurs. Zugleich gab er den verschiedenen Hanf-Initiativen ein Sprachrohr. Dilipak setzt sich für eine zügige und unbürokratische Entkriminalisierung mit gleichzeitiger Förderung des Hanfanbaus ein. Jeder müsse die Berechtigung haben, die Pflanze für den Eigenbedarf im Garten anzubauen, so seine Forderung. Parallel dazu müsse eine neue Kategorisierung von Drogen in weiche und harte durchgesetzt werden, wie es in westlichen Ländern bereits seit langem der Fall sei.

Dilipak sieht in synthetischen Designerdrogen wie Spice oder Flaka, die Hauptgefahr für die Gesundheit der Gesellschaft. Auch seien Drogen wie Alkohol oder Nikotin wissenschaftlich gesehen gefährlich, aber dennoch frei verfügbar. Dies widerspreche der Logik. Auch könnten andere Substanzen wie Lösungsmittel als Droge missbraucht werden. Diese Substanz zu verbieten, löse aber keine Probleme. Es sei eine grundlegende Reform der Drogenpolitik notwendig.

Im Gegensatz zu vielen anderen Drogen gibt es bei den Wirkstoffen von Cannabis keine letale Dosis, auch entsteht keine körperliche Abhängigkeit. Was aber hervortreten kann, ist eine psychische Gewöhnung bei unkontrolliertem Konsum.

(AFP)

Cannabis werde sogar bei einer Suchterkrankung zur Abgewöhnung von harten Drogen eingesetzt, unterstreicht Dilipak. In Anbetracht dessen müsse man die Drogenpolitik in der Türkei grundlegend reformieren und dem aktuellen Stand der Forschung anpassen. Dies müsse einhergehen mit staatlichen Aufklärungsmaßnahmen.

In den meisten europäischen Ländern erfolgt die Drogenaufklärung bereits in der Mittelstufe. Die Schüler werden dabei sehr früh objektive über gängige Drogenvariationen, ihre Wirkung und mögliche Risiken informiert. Dies ermöglicht Jugendlichen, Gefahren besser einzuschätzen und überlegt zu handeln.

Der globale Trend zeigt heute eine steigende Entkriminalisierung und gesellschaftliche Rückbesinnung auf den Gebrauch von Hanf. Dadurch wird zugleich dem unkontrollierten Schwarzmarkt der Nährboden entzogen – auch zum Vorteil der Konsumenten. Dies bringt zugleich enorme finanzielle Vorteile für den Staat mit sich. Zu den durch die eine Legalisierung gesparten Kosten für Gerichte und Polizeieinsätze summieren sich Steuereinnahmen in Milliardenhöhe. Um das zu sehen, reicht ein Blick in die USA. In vielen Bundesstaaten ist Cannabis vollständig legalisiert – zuletzt zog das Nachbarland Kanada nach. Die staatlichen Einnahmen sind immens. In den Vereinigten Staaten rechnet man langfristig mit mehr als 400.000 neuen Arbeitsplätzen in der Cannabis-Industrie. Die Unternehmensberatung ArcView prognostiziert Gewinne in Höhe von knapp 40 Milliarden Dollar bis 2021.

Eine entschiedene Förderung der industriellen Nutzung von Hanf könnte sogar den Rohstoffbedarf der türkischen Industrie decken. Dadurch würden zugleich Importe eingespart werden. Hanf birgt daher das nötige Potenzial, um das Handelsbilanzdefizit in kurzer Zeit auszugleichen und auf lange Sicht neue Arbeitsplätze zu schaffen. Eine Rückbesinnung auf Hanf würde zugleich das ökologische Gleichgewicht der Türkei bewahren schützen und die Umweltverschmutzung maßgeblich reduzieren.

In den nächsten Jahren werden die Ergebnisse der angekündigten Hanf-Revolution deutlicher zu sehen sein. Schon jetzt häufen sich die Anfragen zu Anbaugenehmigungen in den 19 Provinzen, wo nun der Hanfanbau staatlich gefördert werden soll.

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