Lost in Translation: Was man im Türkischen unter „Märtyrer“ versteht

AYLA COŞKUN
ISTANBUL
Veröffentlicht
Beerdigung der Opfer des Putschversuches in Ankara, 17. Juli 2016. (Reuters Foto)
Beerdigung der Opfer des Putschversuches in Ankara, 17. Juli 2016. (Reuters Foto)

Der Begriff „Märtyrer" wird im Deutschen meist ungern genutzt, man denk an Handlungen, die man im Englischen als „over the top" beschreiben würde. Im Alltag hat er so gut wie keinen Platz, daher ist es für deutsche Leser äußerst befremdlich, wenn dieser Begriff in Berichten und Texten auftaucht, die in muslimischen Ländern verfasst wurden - oft in verschiedensten Kontexten.

Auf den ersten Blick scheint die Bedeutung gleich. „Märtyrer ist jemand, der um des (christlichen) Glaubens willen Verfolgungen, schweres körperliches Leid, den Tod auf sich nimmt oder jemand, der sich für seine Überzeugung opfert oder Verfolgungen auf sich nimmt", heißt es laut Duden.

Doch im Vergleich zum Türkischen Übersetzungswort „Şehit" gibt es einen großen Unterschied. Denn es gibt nicht nur eine Art des Märtyrertums. Der Begriff wird auch für andere Todesfälle verwendet, die nicht direkt mit dem Glauben im Bezug stehen – er ist nicht immer religiös geprägt. Man wird laut islamischen Glauben Märtyrer, wenn man:

1. Für seinen Glauben stirbt. Dieser Punkt ist besonders heutzutage der strittigste. Grund dafür sind Terrororganisationen, wie der sogenannte „Islamische Staat", die sich auf den Islam berufen, im Grunde jedoch nicht viel mit dem Islamverständnis der Muslime zu tun haben. Wenn Selbstmordattentäter unter diesem Vorwand „Dschihad" betreiben und sich dabei absichtlich in die Luft sprengen, glauben sie als Märtyrer – ohne Umwege - ins Paradies einzutreten. Der strittige Punkt hierbei: Selbstmord ist einer der schlimmsten Sünden im Islam, egal aus welchem Grund er begangen wird. Wer mit Absicht in den Selbstmord schreitet und dabei noch anderen Menschen schadet, hat die Grundprinzipien des Islams nicht verstanden. Der Kampf (Dschihad) im Verteidigungsfall ist streng geregelt, darüber hinaus gibt es eine Bedeutungsebene des Begriffs, der sich auf den inneren Kampf bezieht – den Kampf mit sich selbst.

2. Für die Verteidigung von Heimat, Eigentum und anderen Menschen stirbt. Hier sollte das Bedeutungsspektrum ersichtlich sein.

3. Bei einem Unfall umkommt. Ich schreibe hier Unfall, aber es gibt so viele Fälle, die man nicht direkt als Unfall beschreiben würde, beispielsweise eine Frau, die bei der Geburt ums Leben kommt, wird auch als eine Märtyrerin bezeichnet. Dieser Punkt ist Gegenstand theologischer Diskussionen. Unfälle, sei es ein Crash mit dem Auto, das Ausrutschen in der Badewanne oder das Fallen von einer Treppe, sind alltägliche Unfall-Situationen, die zum Tod führen können – auch wenn der Begriff Märtyrer nicht immer für die verschiedenen Todesursachen in gleicher Häufigkeit gebraucht wird.

Viele Menschen, auch ohne religiöse Bindung, benutzen dieselbe Wortwahl, genauso wie „InşaAllah", (so Gott will), wird im Türkischen wie ein „hoffentlich" genutzt. Der religiöse Kontext fällt oft weg.

Die Bedeutung des Begriffs wird bei Übersetzungen in andere Sprachen oft nicht beachtet und geht verloren. Besonders im europäischen Raum fasst man in dem Zusammenhang fallende Aussagen als religiös gefärbt auf, auch wenn es nicht immer so ist.

Eine begriffliche Analyse mit Einbeziehung von kulturellen Besonderheiten, würde da vielleicht Abhilfe schaffen und zu einem korrekteren Begriffsverständnis führen.

*Ayla Coşkun studierte Übersetzungswissenschaften an der Marmara Universität

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