In Memoriam, Kofi Annan

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Der verstorbene Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, vor einem Treffen in seinem Büro in Genf am 20. Juli 2012 (AFP)
Der verstorbene Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, vor einem Treffen in seinem Büro in Genf am 20. Juli 2012 (AFP)

Kofi Annan war ein Held für Millionen von Afrikaner - eine Hoffnung für den Weltfrieden und ein Symbol für Gleichheit und Gerechtigkeit. Er hat die Welt mit einem inspirierenden und ermutigenden Andenken verlassen

Kofi Annan, der legendäre Generalsekretär der Vereinten Nationen, ist nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt im schweizerischen Bern friedlich verstorben. Die Menschheit wird sich an ihn erinnern, nicht zwingend wegen seiner Errungenschaften, vielmehr dank seines Charakters, seiner Eleganz, seiner Ansichten und seines gesunden Menschenverstandes. Er war ein Afrikaner aus Ghana - einem Land, das bereits unter Kwame Nkrumah die Regeln der internationalen Beziehungen in Frage gestellt hat, als dieser die Bewegung der Blockfreien Staaten zusammen mit Indien, Ägypten, Indonesien und Jugoslawien begründete.

Das Leben von Kofi Annan war vom kolonialen Erbe geprägt. Geboren in Kumasi, der ehemaligen Hauptstadt des berühmten Aschantireichs, eines der größten imperialen Systeme in Afrika, wuchs er in einer wohlhabenden Familie auf. Sein Vater war ein bekannter Diplomat, der ihm eine qualitative westliche Bildung ermöglichte. Er erhielt 1961 seinen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften am Macalester College in St. Paul, Minnesota. Kurz nach seinem Studium ging Annan nach Genf, wo er am Institut Universitaire des Hautes Etudes Internationales sein Studium der Wirtschaftswissenschaften erweiterte. Danach studierte er auch am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Seine Frau, die Schwedin war, verhalf ihm zum Start seiner beruflichen Karriere in internationalen Organisationen, insbesondere innerhalb der Vereinten Nationen.

Er vertrat die afrikanische Weisheit in bester Art und Weise; eine raffinierte Mischung aus Respekt, Flexibilität und Tradition. Nebst anderen kompetenten afrikanischen Führern und Regierungsbeamten, wie Léopold Sedar Senghor, Amadou Makhtar M'Bow, Agostinho Neto oder Amilcar Cabral, hatte Annan ein Universalbewusstsein, welches ihm einen beneidenswerten Platz in der Geschichte einbrachte.

Aus der kaiserlichen Ashanti-Tradition kommend, die das westliche Leben, die Kultur und die Philosophie sehr gut kannte, verbrachte Annan seine gesamte Karriere fast ausschließlich in der wichtigsten internationalen Organisation, den Vereinten Nationen. Er besaß er eine Perspektive und ein Verständnis für internationale Beziehungen - eine Affinität, die nicht alle Diplomaten vorweisen können.

1962 mit der Arbeit an der Universität begonnen, stieg er schrittweise die Karriereleiter hinauf – bis er stellvertretender UN-Generalsekretär wurde. In den schrecklichen Genoziden von Ruanda und Srebrenica konnte er die großen Staaten nicht mobilisieren und erhielt auch keine Unterstützung in seinen Vermittlungsbemühungen. Als Boutros Boutros-Ghali, der ehemalige ägyptische Generalsekretär der Vereinigten Staaten, sein Mandat 1996 wegen einem US-Veto nicht weiterführen konnte, war Annan für niemanden der ideale Kandidat für seine Nachfolge. Die Franzosen wollten jemanden aus dem französischsprachigen Afrika, während die Briten überhaupt kein Interesse daran hatten, einen Ghanaer an der Spitze der UNO zu sehen. Russland hatte einen Politiker aus der Unabhängigkeitsbewegungen bevorzugt. So wurde Annan praktisch von niemandem unterstützt - außer von den Vereinigten Staaten, die ihn als einen Kompromisskandidaten vorgeschlagen hatten. Die USA dachten, Annan wäre ihnen dankbar für die Unterstützung und würde dies bei der UN auch zum Ausdruck bringen.

Das genaue Gegenteil war der Fall, als Kofi Annan in einer sehr eloquenten und ruhigen Haltung den von den USA geführten Kriegen standhielt, besonders im Irak 2002. Er erklärte öffentlich, der Krieg gegen Saddam Hussein durch die neue neokonservative Regierung in Washington sei "illegal". Sein Respekt vor dem internationalen Recht war immer spürbar. George W. Bush und seine Regierung erkannten, dass Annan einer der letzten Repräsentanten der internationalen Diplomatietradition war - so wie Roosevelt oder Truman. Er soll wiederholt die berühmte Rede von Harry Truman 1945 auf der UN-Konferenz in San Francisco genutzt haben: "Während diese großen Staaten eine besondere Verantwortung für die Durchsetzung des Friedens haben, beruht ihre Verantwortung auf den Verpflichtungen aller Staaten groß und klein, keine Gewalt in den internationalen Beziehungen anzuwenden, außer in der Verteidigung des Gesetzes. Die Verantwortung der großen Staaten ist es, den Völkern der Welt zu dienen, nicht sie zu beherrschen."

Sein entschiedener Widerstand gegen den Krieg im Irak wurde von Millionen Menschen in europäischen Städten unterstützt, die auf die Straße gingen, um zu protestieren. Auch Länder wie Frankreich und Deutschland versuchten vehement die US-Kriegsmaschine zu stoppe. Der damalige französische Premierminister Dominique de Villepin hielt eine denkwürdige Rede auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen, die von den Delegierten mit einer langen Standing Ovation gefeiert wurde. Wir wissen jetzt, dass Annan angesichts der schrecklichen Folgen des Krieges im Irak sehr hellsichtig war.

Er war der einzige UN-Generalsekretär, der zusammen mit Dag Hammarskjöld eine besondere militärische Eingreiftruppe einforderte. Ungefähr vierzigtausend Soldaten waren für das Vorhaben nötig. So wäre man auch nicht mehr auf die mühsame Bildung von Blauhelmkontingenten angewiesen.

Sein Name wird in der Türkei – mitunter wegen seiner hervorragenden Bemühungen, eine Lösung für das Problem in Zypern zu finden - definitiv in positiver Erinnerung bleiben. Annan war der Einzige, der den beiden Seiten auf der Insel einen praktikablen Plan vorlegte. Die Bemühungen für ein einheitliches Zypern endeten mit einem deutlich "Ja" auf der türkischen Seite und einem deutlichen "Nein" auf der griechischen Seite.

Annan ist mit seinem Zypern-Plan gescheitert, und bis heute ist es der einzige Plan, dessen Schlussbericht wegen des russischen Vetos im UN-Sicherheitsrat nie gelesen und diskutiert wurde.

Er wird ein sehr weitsichtiger internationaler Diplomat bleiben, der die Gefahren des Klimawandels und die Mängel der Globalisierung hervorgehoben hat. Als Friedensnobelpreisträger war er wahrscheinlich einer der wenigen Menschen, die diesen Preis wirklich verdient haben. Er wird auch als Vermittler für den syrischen Bürgerkrieg in Erinnerung bleiben. Annan war einer der letzten Repräsentanten der internationalen Diplomatie - stets um Frieden bemüht. Er wird schmerzlich vermisst werden.

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