Mazedonier stimmen über jahrzehntelangen Namensstreit mit Griechenland ab

AFP
GRADOVCI, Mazedonien
Veröffentlicht 28.09.2018 12:47
Mazedonier stimmen über jahrzehntelangen Namensstreit mit Griechenland ab

Wenn die Mazedonier am Sonntag über einen neuen Landesnamen abgestimmt haben, dürfte die Auszählung zumindest in Gradovci schnell beendet sein.

In dem 30 Kilometer von der Hauptstadt Skopje entfernten Dorf lebt nur noch der 66-jährige Dushan Nikolovski - symptomatisch für den kleinen Balkanstaat im Südosten Europas, den immer mehr junge Menschen verlassen. Die Verbliebenen hoffen darauf, dass sich ein Ja zur Namensänderung positiv auf die Zukunft ihres Landes auswirkt.

Wegen des seit Jahrzehnten anhaltenden Namensstreits mit Griechenland blockiert Athen bislang eine mögliche Aufnahme des ehemaligen jugoslawischen Teilstaats in EU und Nato. Sollte sich die Bevölkerung nun mehrheitlich für den von Regierungschef Zoran Zaev mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras feierlich besiegelten Namenskompromiss - Republik Nordmazedonien - entscheiden, könnte sich das ändern.

Vor allem die verbliebenen Bewohner ärmlicher Gebiete setzen auf eine Verbesserung ihrer Lage durch einen Beitritt zur Europäischen Union. In Gradovci lebten einst hundert Familien, berichtet Nikolovski. Ihre Häuser, Schulen und Geschäfte sind nun teilweise nur noch Ruinen. Der 66-Jährige, der selbst erst im Ruhestand zurückkehrte, möchte hier ein ländliches Paradies für Touristen schaffen.

Die Abwanderung aus den Dörfern begann schon im ehemaligen Jugoslawien, seit der Unabhängigkeit 1991 hat sich das Problem noch verschärft. Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber viele Dörfer im Westen und Osten des Landes seien verlassen, bestätigt Justizministerin Renata Deskoska. "Junge Leute wollen in einem demokratischen Land leben, wo ihre Menschenrechte respektiert werden und wo sie aufgrund ihrer Kenntnisse befördert werden." Neben fehlenden Jobs empört vor allem Vetternwirtschaft die jungen Mazedonier.

Die Arbeitslosigkeit im Land liegt bei 22 Prozent. Wieviele Mazedonier ihre Heimat verlassen haben, um im Ausland Arbeit zu finden, verrät keine einheimische Statistik - eine Volkszählung stockt seit 2002 wegen Konflikten zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen. Die EU schätzte 2012, dass mehr als 500.000 Mazedonier - 26 Prozent der 2,1 Millionen Einwohner - ausgewandert seien.

In vielen Regionen lebten die Bewohner fast ausschließlich von Geldtransfers ihrer Verwandten, die in Deutschland oder der Schweiz arbeiteten, sagt der Ökonom Visar Ademi, der eine Nichtregierungsorganisation zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit leitet.

Vor allem in den Gegenden, in denen ethnische Albaner leben, ist die Lage schlecht. "Hier haben wir nichts, aber in der EU gibt es alles", sagt Selajdin Latifi, der in einem Bergdorf oberhalb Skopjes wohnt. In der Region werde jeder am Sonntag mit Ja stimmen, zeigt sich der 46-jährige Postangestellte überzeugt. Generell wird erwartet, dass die Mehrzahl der rund 300.000 Albaner für die Namensänderung stimmt.

Von den zahlreichen Auslandmazedoniern haben sich aber bislang weniger als 3000 für die Abstimmung über den Namensstreit registriert. Mehr als 900.000 Stimmen werden gebraucht, um die Zielmarke von 50 Prozent für die Gültigkeit des Referendums zu überschreiten.

Der Boykottaufruf des mazedonischen Präsidenten Gjorge Ivanov könnte nun dazu führen, dass das Quorum nicht erreicht wird. Mit der von Griechenland geforderten Namensänderung würde aus Mazedonien ein "halbsouveräner" Staat mit einem "eingeschränkten Selbstbestimmungsrecht", erklärte Ivanov, der der nationalistischen Rechten nahesteht, am Donnerstag vor der UNO. Eine Namensänderung sei ein "historischer Selbstmord".

Ein Ja beim mazedonischen Volksentscheid hat ohnehin nicht automatisch die Namensänderung zur Folge. Erst muss noch das Parlament in Skopje mit einer Zweidrittelmehrheit zustimmen. Danach ist das Parlament in Griechenland an der Reihe. Auch dort gibt es große Vorbehalte - viele Menschen fürchten noch immer Gebietsansprüche Mazedoniens auf die benachbarte griechische Provinz Makedonien. Nikolovskis Traum von einem Touristenidyll in seinem Heimatdorf Gradovci könnte also bald zerplatzen.

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